Heißt Goethe in folgendem Abschnitt aus Dichtung und Wahrheit „Mansplaining“ gut?

„Denn einem jungen Paare, das von der Natur einigermaßen harmonisch gebildet ist, kann nichts zu einer schönern Vereinigung gereichen, als wenn das Mädchen lehrbegierig und der Jüngling lehrhaft ist. Es entsteht daraus ein so gründliches als angenehmes Verhältnis. Sie erblickt in ihm den Schöpfer ihres geistigen Daseins und er in ihr ein Geschöpf, das nicht der Natur, dem Zufall oder einem einseitigen Wollen, sondern einem beiderseitigen Willen seine Vollendung verdankt; und diese Wechselwirkung ist so süß, daß wir uns nicht wundern dürfen, wenn seit dem alten und neuen Abälard aus einem solchen Zusammentreffen zweier Wesen die gewaltsamsten Leidenschaften und soviel Glück als Unglück entsprungen sind.“ (Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit, Buch 5, BA13:202 f.)

Mansplaining-Definition: Begriff und notwendige Bedingungen

In dem obigen Abschnitt scheint Goethe beinahe eine natürliche Ordnung in dem Verhältnis zwischen dem die Welt erklärenden Manne und dem eifrig lernenden, noch unwissenden Frau zu sehen. Ohne den Mann sei die Frau nicht vollkommen. Handeln sie brav ihren natürlichen Rollen gemäß, würden alle glücklich werden.

Die notwendigen Bedingungen für den recht jungen Begriff „Mansplaining“ sind nach dem Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary:

„Mansplaining is, at its core, a very specific thing. It’s what occurs when a man talks condescendingly to someone (especially a woman) about something he has incomplete knowledge of, with the mistaken assumption that he knows more about it than the person he’s talking to does.“

  • Im engeren Sinne ist „Mansplaining“ also folgendes:
    • Mann X erklärt jmd. Y etwas.
    • Mann X spricht herablassend zu Y.
    • Mann X hat unvollständige Kenntnisse.
    • Mann X nimmt an, er hat bessere Kenntnisse als Y.
    • Person Y hat bessere Kenntnisse als X.

Im Oxford English Dictionary steht dagegen folgende Definition:

„[Mansplaining ](of a man) explain (something) to someone, typically a woman, in a manner regarded as condescending or patronizing.“

  • Demnach ist „Mansplaining“ also folgendes:
    • X erklärt Y etwas.
    • X ist herablassend oder bevormundend zu Y.

Beiden Definitionen ist zu entnehmen, dass die Person, die unfreiwillig passiv ist, eher eine Frau ist, während die herablassende Person eher ein Mann ist, was der wortwörtlichen Auslegung des Begriffs entspricht. Teilweise wird bei den Definitionen trotz des geschlechtsspezifischen Begriffs allerdings versucht, die Geschlechter aus den notwendigen Bedingungen herauszulösen, und stattdessen bloß ein negatives Verhalten mit dem Wort zu verbinden – was durch den sehr geschlechtsspezifischen Begriffs nicht wirklich gelingen kann.

Ob der Begriff nur dann berechtigt angewandt wird, wenn klar ist, wer mehr Sachverstand in einem spezifischen Fall hat, muss bezweifelt werden, da die Hürde dann unpraktibel hoch wäre. Der Begriff könnte dann nicht so populär sein.

In jedem Fall bleibt das Erklären und die herablassende Art des Erklärens.

Ist das Goethe-Zitat aus Dichtung und Wahrheit „Mansplaining“?

Einerseits sieht Goethe die Rollen klar verteilt: Der Jüngling lehrt und das Mädchen ist lehrbegierig. Ohne den Jüngling ist das Mädchen nicht gebildet und unvollendet. Das entspricht der Annahme, dass der Mann bessere Kenntnisse hat und berechtigterweise herablassend ist und erklären muss. Dem Kern nach scheint es sich um „Mansplaining“ zu handeln.

Andererseits gibt es noch den historischen Kontext. Wir gehen heute zu Recht davon aus, dass die Geschlechter im Schnitt alle gleich intelligent sind.1 Man sollte annehmen, dass dies auch für das 18. und frühe 19. Jahrhundert gilt. Erklärungen sind allerdings nicht nur etwas für die „Dummen“, sondern für die „Unwissenden“ auf dem entsprechenden Gebiet. Wenn die Geschlechter zu Goethes Zeit gleich intelligent waren – wovon hier ausgegangen wird – ist damit nichts über die Bildung gesagt. Haben sie gleichermaßen lernen dürfen und sich gleichermaßen Wissen aneignen dürfen?

Andere Zitate aus Goethes Werken liefern dazu den Hintergrund:

Frauen hatten nicht denselben Zugang zu Bildung wie Männer, Frauenbildung war gewissermaßen verpönt und Bildung war nur über das Wohlwollen der Männer möglich:

„Das Gespräch machte sich ganz natürlich; einige Damen aus der Nachbarschaft hatten uns besucht und über die Bildung der Frauen die gewöhnlichen Gespräche geführt. Man sei ungerecht gegen unser Geschlecht, hieß es, die Männer wollten alle höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu keinen Wissenschaften zulassen, man verlange, daß wir nur Tändelpuppen oder Haushälterinnen sein sollten. Lothario sprach wenig zu all diesem; als aber die Gesellschaft kleiner ward, sagte er auch hierüber offen seine Meinung. ›Es ist sonderbar‹, rief er aus, ›daß man es dem Manne verargt, der eine Frau an die höchste Stelle setzen will, die sie einzunehmen fähig ist: und welche ist höher als das Regiment des Hauses? Wenn der Mann sich mit äußern Verhältnissen quält, wenn er die Besitztümer herbeischaffen und beschützen muß, wenn er sogar an der Staatsverwaltung Anteil nimmt, überall von Umständen abhängt und, ich möchte sagen, nichts regiert, indem er zu regieren glaubt, immer nur politisch sein muß, wo er gern vernünftig wäre, versteckt, wo er offen, falsch, wo er redlich zu sein wünschte; wenn er um des Zieles willen, das er nie erreicht, das schönste Ziel, die Harmonie mit sich selbst, in jedem Augenblicke aufgeben muß; indessen herrscht eine vernünftige Hausfrau im Innern wirklich und macht einer ganzen Familie jede Tätigkeit, jede Zufriedenheit möglich. Was ist das höchste Glück des Menschen, als daß wir das ausführen, was wir als recht und gut einsehen? daß wir wirklich Herren über die Mittel zu unsern Zwecken sind? Und wo sollen, wo können unsere nächsten Zwecke liegen als innerhalb des Hauses? Alle immer wiederkehrenden, unentbehrlichen Bedürfnisse, wo erwarten wir, wo fordern wir sie als da, wo wir aufstehn und uns niederlegen, wo Küche und Keller und jede Art von Vorrat für uns und die Unsrigen immer bereit sein soll? Welche regelmäßige Tätigkeit wird erfordert, um diese immer wiederkehrende Ordnung in einer unverrückten, lebendigen Folge durchzuführen! Wie wenig Männern ist es gegeben, gleichsam als ein Gestirn regelmäßig wiederzukehren und dem Tage so wie der Nacht vorzustehn! sich ihre häuslichen Werkzeuge zu bilden, zu pflanzen und zu ernten, zu verwahren und auszuspenden und den Kreis immer mit Ruhe, Liebe und Zweckmäßigkeit zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese innere Herrschaft ergriffen, so macht sie den Mann, den sie liebt, erst allein dadurch zum Herrn; ihre Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse, und ihre Tätigkeit weiß sie alle zu benutzen. So ist sie von niemand abhängig und verschafft ihrem Manne die wahre Unabhängigkeit, die häusliche, die innere; das, was er besitzt, sieht er gesichert, das, was er erwirbt, gut benutzt, und so kann er sein Gemüt nach großen Gegenständen wenden und, wenn das Glück gut ist, das dem Staate sein, was seiner Gattin zu Hause so wohl ansteht.‹ “ (Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 7, BA10:473ff.)

„Über Wissenschaften und Kenntnisse ging es auch nicht ohne Widerspruch ab; er machte es wie alle Männer, spottete über gelehrte Frauen und bildete unaufhörlich an mir.“ (Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 6, BA10:391)

„Hat ein solches Mädchen dabei das Glück, daß ihr Bräutigam Verstand und Kenntnisse besitzt, so lernt sie mehr, als hohe Schulen und fremde Länder geben können. Sie nimmt nicht nur alle Bildung gern an, die er ihr gibt, sondern sie sucht sich auch auf diesem Wege so immer weiterzubringen. Die Liebe macht vieles Unmögliche möglich, und endlich geht die dem weiblichen Geschlecht so nötige und anständige Unterwerfung sogleich an; der Bräutigam herrscht nicht wie der Ehemann; er bittet nur, und seine Geliebte sucht ihm abzumerken, was er wünscht, um es noch eher zu vollbringen, als er bittet.“ (Wilhelm Meisters Lehrjahre, Buch 6, BA10:389)

Allerdings war und ist Bildung sowohl eine Vermögens- als auch eine Geschlechterfrage. Goethes privilegierte Herkunft war eben auch die Herkunft seiner Schwester, die ebenfalls einen guten Privatunterricht genoss, wenngleich sie nicht studieren konnte.

„Mein Vater lehrte die Schwester in demselben Zimmer Italienisch, wo ich den Cellarius auswendig zu lernen hatte. Indem ich nun mit meinem Pensum bald fertig war und doch stillsitzen sollte, horchte ich über das Buch weg und faßte das Italienische, das mir als eine lustige Abweichung des Lateinischen auffiel, sehr behende.“ (Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit, Buch 1, BA13:37)

„Persönlich war mein Vater in ziemlicher Behaglichkeit. Er befand sich wohl, brachte einen großen Teil des Tags mit dem Unterrichte meiner Schwester zu, schrieb an seiner Reisebeschreibung und stimmte seine Laute länger, als er darauf spielte.“ (Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit, Buch 8, BA13:335)

Fazit

In einigen Situationen war es eine berechtigte Annahme, Frauen seien weniger (oder anders) gebildet – weil sie eben nicht denselben Zugang zu Bildung hatten. Das war ein Problem. Dennoch ist herablassendes Erklären nicht gerechtfertigt – völlig geschlechtsunabhängig. Der Begriff „Mansplaining“ ist allerdings keiner, der dazu beiträgt, dass das einst aufgrund ungerechter Gesellschaftsverhältnisse geprägte Bild vom einer Frau erklärenden Manne verblasst und der heutigen Realität weicht.


1 Vgl. Baumeister, Roy F.: Wozu sind Männer eigentlich überhaupt noch gut? Wie Kulturen davon profitieren Männer auszubeuten. Bern 2012, S. 43f.


Artikelbild: Ausschnitt aus Bild von Georg Oswald May – https://brbl-dl.library.yale.edu/vufind/Record/4662979, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77587013

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