Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher ließ die Wehrmacht und den gesamten NS-Staat wie eine Sammlung willenloser und gehorsamer Befehlsempfänger Hitlers erscheinen, die zu allen Zeiten exakt nach und ausschließlich auf seinen Befehl gehandelt haben. Kein Verbrechen ohne Befehl. Jedes Detail war von Hitler persönlich gefordert. Mit der Tradition der Wehrmacht, die maßgeblich vom Chef des Generalstabs zur Zeit der Deutschen Einigungskriege, Helmuth von Moltke geprägt wurde, und mit der Komplexität der Realität hat das jedoch nichts zu tun. Nachfolgend geht es mit Hayek und Moltke um Komplexität und verteilte Informationen im Militär.

Helmuth von Moltke

Der Satz „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.“ oder in der populären Variante: „Kein Plan überlebt den Feindkontakt“ stammt von Moltke. Er drückt damit aus, dass im Krieg alles unsicher ist. Generäle haben bei der Kriegsplanung in vielerlei Hinsicht einen Informationsmangel. Sie wissen nicht, was der Feind plant. Sie wissen nicht, wie der Krieg verlaufen wird. Und ganz besonders wissen sie nicht, in welchen Gefechtssituationen sich die eigenen Soldaten befinden werden oder auf welche Hindernissen sie stoßen werden, wenn sie strategische Ziele erreichen wollen.

Moltkes Lösung heißt Auftragstaktik. In der militärischen Hierarchie werden hierbei Ziele von ganz oben nach unten gegeben. Die Wege zu den Zielen werden nicht vorgegeben. Die Soldaten erfahren bei einem Auftrag das Warum, nicht aber das Wie. Die Soldaten im Kugelhagel an der Front müssen selbstständig entscheiden, wie sie im Sinne der größeren Ziele handeln – insbesondere wenn sich die Ausgangslage verändert. Sie haben dann oftmals keine Zeit, Informationen in der Kommandokette nach oben weiterzugeben und auf neue Befehle zu warten.

Soldaten können Szenarien lernen, aber keine zwei Gefechte sind gleich. Sie müssen eigenständig agieren und reagieren. Sie sind näher am Geschehen.

Also: Generäle können nicht alles wissen und daher auch nicht für jeden Soldaten und jede Situation Befehle ausarbeiten. Stattdessen müssen sie Aufträge mit Zielen ausgeben, in deren Rahmen frei den Umständen entsprechend im Sinne der obersten Ziele gehandelt wird.

Friedrich A. von Hayek

Hayek nannte in Recht, Gesetz und Freiheit für den Begriff der Organisation Unternehmen und Staaten als Beispiele. Der Begriff ist aber auch auf das Militär anwendbar, da es eine organisierte Gruppe von Individuen ist, in welcher es konkrete Befehle und auch abstrakte Regeln gibt. Außerdem ist das Militär einer Organisation untergeordnet: Es ist eine Unterorganisation des Staates.

Die Grundprämisse Moltkes würde Hayek so ausdrücken: In der Gesamtheit kennt niemand die Informationen über Positionen eigener und feindlicher Soldaten. Daher kann kein Organisierender (General) alle Mitglieder (Soldaten) seiner Organisation (Militär) als bloße Werkzeuge/Befehlsempfänger betrachten. Stattdessen muss der General darauf hinwirken, dass alle Soldaten ihr jeweiliges Wissen, bspw. über Gefechtslagen, für die Erreichung der Kriegsziele des Generals einsetzen.

„Nur in der allereinfachsten Art von Organisation ist es vorstellbar, daß sämtliche Tätigkeiten in allen Einzelheiten von einem einzigen Verstand gelenkt werden“, meint Hayek. Für das eigene Militär und die Strategie im Krieg würde das eine Limitierung bedeuten, durch welche der Feind immense Vorteile erlangt. (So oder so ähnlich könnte man beispielsweise auch die Alliierte Invasion in der Normandie am 6. Juli 1944 betrachten, als Offiziere nicht mehr eigenständig agierten und stattdessen darauf warteten, dass Hitler erwacht und alles persönlich befehligte.)

Moltkes Auftragstaktik ist mit Hayek die Umsetzung einer Organisation, in der Mitglieder zu erfüllende Funktionen, zu erreichende Zwecke und nur in geringem Umfang anzuwendende Methoden erhalten. Damit erhält die Organisation Regeln spontaner Ordnungen, die eine wesentlich größere Komplexität ermöglichen. Generäle können so das verteilte Tatsachenwissen einzelner Soldaten nutzen, ohne das Wissen tatsächlich zu erhalten.

In diesem Sinne konnte Hitler nicht alle Handlungen der Angehörigen von NS-Organisationen und der Wehrmacht im Detail planen oder steuern, da die Komplexität zu groß ist. Nur eine – in einem anderen Sinne – sehr primitive Organisation wäre vom Verstand einer einzelnen Person detailiert planbar gewesen.


Artikelbild: bearbeiteter Bildausschnitt vom Foto von Kunstverlag der Photographischen Gesellschaft Berlin – Albumin-Foto, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6081849
Literatur:
Helmuth von Moltke, Moltke on the Art of War: Selected Writings, zit. nach: Philip Tetlock & Dan Gardner, Superforecasting, London Random House Books 2016, S. 213ff.
Friedrich A. von Hayek: Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen: Mohr Siebeck 2003, S. 49ff.

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