Wer philosophische Texte liest, kennt vielleicht das Phänomen, dass einige Texte schwer verständlich sind: „ungeachtet der marternden Langweiligkeit, die wie ein dicker Nebel darauf brütet, eben weil man liest und liest, ohne je eines Gedankens habhaft zu werden.“ (Deu-IV:182.)

Manchmal ist es eine Frage der Lesbarkeit, also der Länge von Wörtern und Satzkonstruktionen, die etwa mit dem Flesch-Score gemessen werden können; manchmal wird Wissen vorausgesetzt, weil Texte einen wissenschaftlichen Kontext haben; aber in einigen Fällen ist es vielleicht auch eine Stilfrage, inwieweit Autoren den Lesern entgegenkommen und versuchen, Argumente klar und transparent zu präsentieren.

Motive für schlechte Texte

Philosophische Hausarbeiten an Universitäten werden oftmals aufgebläht, weil eben Seiten gefüllt werden müssen. So wird eben wiederholt und wiederholt, ohne dass dabei Substanzielles entsteht. Arthur Schopenhauer meinte, dass ein „Schreiber, dem selbst nichts Deutliches und Bestimmtes vorschwebte, Worte auf Worte, Phrasen auf Phrasen häuft und doch nichts sagt, weil er nichts zu sagen hat, nichts weiß, nichts denkt, dennoch reden will und daher seine Worte wählt, nicht je nachdem sie seine Gedanken und Einsichten treffender ausdrücken, sondern je nachdem sie seinen Mangel daran geschickter verbergen.“ (Deu-IV:182f.)

Schlecht werden Texte auch, wenn Kritik erschwert werden soll. So schreibt Karl Popper in einem Brief 1971, dass Adorno und Habermas Texte nicht unter dem Aspekt der leichten Versteh- und Kritisierbarkeit verfassten. So würde Kritik bewusst erschwert oder gar verhindert. Diesen Vorwurf richtete er in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde auch an Hegel.

Eben so wirft auch Schopenhauer Fichte und Schelling vor, dass sie absichtlich unverständlich geschrieben haben, um Leser zu täuschen. Hegel unterstellt er, ohne natürlich dessen Motive kennen zu können, dies noch weiter getrieben zu haben. Er verhülle, was einfach zu sagen wäre, um Beachtung zu finden. (Deu-IV:183.)

„Eine Folge dieser ganzen saubern Methode ist, unter andern, daß, wenn man in England etwas als sehr dunkel, ja, ganz unverständlich bezeichnen will, man sagt it is like German metaphysics; ungefähr wie man in Frankreich sagt c’est clair comme la bouteille à l’encre [so klar wie eine Tintenflasche].“ (Deu-IV:184.)

Motive für transparentes Argumentieren

Der Prozess des Schreibens ist offenbarend. Häufig wird durch das Niederschreiben eines Gedankens derselbe erst richtig klar, oder es zeigt sich eben, dass nichts Klares resultiert, weil eben noch nichts Klares gedacht wurde. Popper (1984) verlangt daher: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“

Schopenhauer bringt noch ein anderes Argument für das transparente Argumentieren. Wer was Substanzielles zu sagen hat, will eben auch, dass es ankommt, d.h. dass es nachgedacht werden kann. Das geht nur über einen guten Stil.

„Es ist wohl überflüssig, hier zu erwähnen, doch kann es nicht zu oft gesagt werden, daß, im Gegentheil, gute Schriftsteller stets eifrig bemüht sind, ihren Leser zu nöthigen, genau eben Das zu denken, was sie selbst gedacht haben: denn wer etwas Rechtes mitzutheilen hat, wird sehr darauf bedacht seyn, daß es nicht verloren gehe. Deshalb beruht der gute Stil hauptsächlich darauf, daß man wirklich etwas zu sagen habe“ (Deu-IV:184.)

Laut Karl Popper gibt es noch einen weiteren Grund für verständliches Schreiben. Akademiker hätten aufgrund des Privilegs, studiert gekonnt zu haben, die Pflicht, der Gesellschaft Erkenntnisse zurückzugeben. Akademiker müssten sich also so ausdrücken, dass nicht nur eine fachlich gebildete Leserschaft sie verstehen kann:

„Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder „der Gesellschaft“), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen.“ (1984)

Fazit

In der Philosophie geht es um Argumente. Diese werden einfacher übermittelt, hinterfragt und vielleicht auch verfeinert, wenn sie klar geäußert werden. Wem es um den Diskurs geht, der schreibt keine aufgeblähten Texte, in denen Prämissen erst noch mühsam im Trüben gefischt werden müssen. Und auch wer bloß zu einem Ergebnis im eigenen Kopf gelangen will, kann sich über das Schreiben Klarheit verschaffen.

Eingeschränkend muss natürlich dem hinzugefügt werden, dass Texte auch aus anderen Gründen schlecht werden können. Gutes Schreiben muss trainiert werden und Texte werden in der Regel nur dann in ihrer Argumentation klar, wenn dem Schreibenden die Argumentation klar ist.


Artikelbild: Ausschnitt aus Bild von Sébastien Jermer on Unsplash.
Textgrundlage:
Popper (1971): Wider die großen Worte, in: (zeit.de) Nr. 39, Seite 8.
Popper (1984): Auf der Suche nach einer besseren Welt, 99ff.
Schopenhauer (1911ff.), Deußen-Gesamtausgabe.

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