Dieser Text gehört zu den Fragmenten eines früheren Projektes aus Philosophie und Fiktion. Der Text dient nicht primär der Wissensvermittlung und spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung einer realen Person wider.

Kribbeln im ICH-Kino I (5.323 NZ)

Da ist sie wieder: Die Sehnsucht nach Nähe, die stets auflodernde Flamme der Hoffnung, die Vernebelung des Geistes, der Tod der kühlen Rationalität, der Niedergang aller Sicherheit, das Verwerfen aller alten Pläne – der Dämon mit höchster Priorität, der alles zu verführen vermag.

Will ich noch, was ich zu wollen wusste? Ist es die Kraft, die mich vom rechten Weg machtvoll herunterzerrt? Oder der rechte Weg, der geerdete Pfad, dem ich nicht länger entfliehen kann? Sie oder er war nie weit entfernt, immer sichtbar und irgendwie wäre man „der Nase folgend“ dorthin gestolpert. Eine irdische Kraft, die nicht anders sein könnte und sein muss. Eine Notwendigkeit, die notwendigerweise sich quasi durch die eigenen Augen wahrnimmt. Doch, ob man der Strömung folgt, sich treiben lässt oder „standhaft“ dagegen schwimmt und den „Pfad“ der evolutionären Sackgasse wählt – unabhängig davon, ob man damit nicht dummerweise einer der notwendigerweise größten Glücksquellen entflieht – letztendlich beruhigt die See sich. Doch – sofern man sich nicht auf eine (einsame) Insel „rettet“ – kommt die nächste Strömung ganz sicher. Hormone in Strömen, Schmetterlinge im Bauch: Die Natur ist nicht bloß, was wir sehen, nicht nur dazu unsere Brille – nein, sie ist auch das Auge und das Gehirn. Wir sind Natur, die sich selbst wahrnimmt.

Wir sind „die“, die Schmerzen und Sehnsüchte wahrnehmen und doch auch die, die sie verursachen, weil wir verursacht sind.

Das tiefste Loch, in dem wir uns sehen, ist jedoch weniger tief, als der höchste Gipfel hoch ist, sobald wir oben sind. Das Loch ist ein lohnendes Loch, wenn der Gipfel folgt.a Im Sog der Liebe ist notwendigerweise die Essenz der Hoffnung auf den Gipfel „Happy End“ in homöopathischer Dosis enthalten. Sie ist schön und trügerisch – trügerisch und schön. Verfällt man ihr, entfällt die Vernunft. Wenn nichts notwendig ist zum Leben, es an nichts mangelt, so kann der Dämon kommen und er tut es. Wo kein Loch ist, schafft er es; wo es nichts bedarf, da wächst das Bedürfnis.

a Außer natürlich bei bestimmten psychischen Störungen. Das Leben besteht praktisch aus einem Lauf auf heißen Kohlen (Leid) und das Wohl im Leben sind die kurzen/kleinen Phasen auf der Bahn, die nicht zu heiß sind. Glück ist damit die kurze Abwesenheit vom Leid.

ICH-Kino II (5.418 NZ)

Ein dunkler Saal, inmitten dessen sich ein uriger, alter und außerordentlich bequemer großer Sessel befindet, ist Ort des Geschehens. Der alte Sessel ist umgeben von einer roten runden, distanzierten Wand, durch die Bilder Richtung Sessel strahlen. Dazu rauscht, dröhnt, musiziert oder bebt aus allen Richtungen wahlweise Töne, Stimmen, Geräusche, Laute, Gesänge oder Klänge. Dazu blasen noch Winde, regnet es Tropfen, gefriert es, schneit es oder blitzt es. Als ob das nicht schon genug wäre, schlägt eine weitere Macht dem urigen, einsamen Sessel entgegen: Ahnungen, Eindrücke, Empfindungen, Stimmungen, Emotionen, Gefühle und Erregungen! Der Sessel ist umringt. Allein mit allen.

Der einzige gangbare aller Wege wird der gegangene sein, der, der am End gegangen worden ist. Alternativen sind Illusionen. Sie sind schöne, aber anstrengende Illusionen. Ein Stein – wenn er fällt – mag sich „denken“: „Ich fall hier oder dort hin“, doch er wird fallen, wo bekannte Naturgesetze uns es ermöglichen zu berechnen, wohin er fällt.

Wir haben keine Wahl, doch sitzen wir fest mit all unseren Emotionen gebannt unserem Entscheidungsprozess folgend. Viel mitfühlender kann man passiv nicht sein. Als ob wir es selbst seien, die nun A oder B abwägen und uns am Ende entschieden haben werden. Aber nein, wir begleiten „unser“ Handeln und denken quasi folgenlos. Wir sitzen im Kino, im ICH-Kino und merken es nicht. Schlimmer noch: Wir wollen es nicht merken! Ich muss zugeben, dieses hier zu fixierende Mem ist kein Gutes! Nicht gut im Sinne von „der Menschheit förderlich“. Das muss aber egal sein dem, der leidenschaftlich Gedanken folgt und herausfordert. Mit den richtigen Methoden ist man ein Duellmeister, ein Schiedsrichter der Arena, in der Ideen antreten und sich prüfen. Einer Arena allerdings, in der ein Gewinner nicht vorhanden sein muss oder ein anderer sein kann als jene, die antraten. Dieses nicht gute Mem ist möglicherweise eher Grund für eine Steinigung des Memträgers als all Ketzereien, die zwar wohl nicht mehr ins Fegefeuer führen, aber fast verboten viel Freude bereiten.

Dieses Mem hat seine Berechtigung, zum einen, weil es seine Träger finden wird (positive Begründung) und seine Träger bloß jene sein werden, die die geistige Tiefe (Reife) haben, davon auszugehen, dass es in der Welt mit rechten Dingen zugeht und aus der Determination des Willens nicht den Schluss ziehen werden, dass man den Kopf „zumachen“ könnte, da diese Maschine Mensch auch ohne Kapitän funktioniert. Ein Mensch ist idealerweise von zwei hier relevanten Memen befallen (normative Begründung): Wir sind Zuschauer in unserem Cockpit (ICH-Kino) und alle Argumente, die wir im Diskurs über unsere Überzeugungen in die blutige Schlacht werden, sind Speerspitzen unserer Meme. In dem Kolosseum der geistigen Antikeb sind unsere blanken Nerven (-Knoten) nicht wirklich auf dem Platze des mörderischen Kampfes, sondern der Lohn für den Sieger. Meme mit all ihren Speerspitzen und Defensivstrategien kämpfen um ihren Platz (auf uns und über uns in ihrem Platz in der Geschichtec). Doch eigentlich gewinnt nicht das im direkten Kampf siegreiche automatisch, sondern auch auf verdeckte Weise: Wie Viren warten manchmal gerne Meme vor Schulhöfen. Z.B. bereits infizierte Glatzköpfe tragen sie, überzeugt von einem rechten Memplex, Meme an die nächste Generation der zukunftslosen, aber sicher „blühenden“ (Ost-)Landschaft.

Wir beobachten Meme oft, zu oft allerdings unbewusst. Krieger des „Islamischen Staates“d werden gerne als Opfer von bösen Predigern gesehen oder eben als grausame unterdrückende Monster. Doch wir sind es nur, die wahrnehmen, wie schlimm die radikale Islambewegung sie macht. Im Rahmen unserer total tollen Toleranz differenzieren wir moderne Menschen gerne diese und jene Islamauslegung und betiteln diese als „richtig“ und jene als „falsch“ oder „abwegig“. Was zur Hölle ist eigentlich falsch oder richtig? Kann man nicht den Sohn Gottes oder Prophetj oder den Zimmermann nicht alles in den Mund legen? Kann man aus all dem heiligen Schund an (beachtenswerter Welt-)h Literatur nicht größte Menschenliebe ebenso wie pure Menschenverachtung lesen? Diese Magie versprühenden Märchenbücher darf man doch nicht ernst nehmen, sondern bloß ihren Unterhaltungswert genießen!i Aber ich gebe nicht einmal zögerlich zu: Der Unterhaltungswert wird sicher gesteigert durch das medial verfolgbare Folgen des rechten Weges (ins Paradies) derer. Man kann den Nachrichten folgen und wird bestens unterhalten durch immer wieder neue Storys von Krieg und Terror. Wäre zwar nicht nötig, weil man sich sonst mit friedlicheren und nicht weniger wichtigen zukunftsträchtigeren Themen auf nationaler oder europäischer Ebene beschäftigen müsste, aber was soll’s?! Immerhin kann man sich jetzt wieder über die „zwiespältige“ Rolle der Türkei beschweren oder mal etwas über das Verhältnis Schiiten-Sunniten, Türkei-Arabische Welt, Türkei-Iran/Syrien etc. lernen, wenn man denn dazu die Muße hat.

Zurück zu den bösen Predigern: Wir sind natürlich die Guten. Wir sehen offensichtlich, ganz unbestritten klar, fraglos, was richtig oder falsch ist in der Welt. Muslime im „Westen“ erklären uns den „echten“, einzig wahren Islam. Da bin ich natürlich sehr dankbar! Doch im Grunde genommen machen Muslime hier und da und auch Christen wie auch Scientologen (wie auch viele andere Gruppierungen) alle das gleiche. Auch Staaten: Unsere Werte, also entsprechende Meme werden staatlich an die Kinder per Schule unter Zwang weitergegeben. Scientologen zwingen wie auch Kirchen schon Kindern ihre Ideologien auf.g Die Taufe ist sicher memetisch noch kein großer Schritt, aber Konfirmation oder Kommunion und Firmung wie alle analogen Rituale in anderen Religionen sind Versuche die eigenen Meme in die Köpfe der Kinderlein zu platzieren.f Warum machen sie das? Das kann mindestens drei Gründe haben:

Erstens: Man identifiziert sich mit seinen Memen, verteidigt sie und hält nur sie für gut.

Zweitens: Memplexe, die längere Zeiten überdauern, können nur solche sein, die ihre eigene Reproduktion in einem Algorithmus als Mem gespeichert haben oder viel Glück hatten. Das Christentum-Memplex war viel „erfolgreicher“ als das Judentum-Memplex, weil man Mitglied (auch mit Glied) werden konnte und nicht eine jüdische Mutter brauchte und die Weiterverbreitung ein Ziel war. Beispielsweise hat sich auch das Mitgliederquantität-Macht-Korrelation-Mem innerhalb von gesellschaftlichen Institutionen durchgesetzt: Will ein Kreisverband von einer Partei oder seiner Jugendorganisation mehr Macht haben, so bietet sich Mitgliederwerbung an: Mehr Mitglieder (auch Karteileichen) bringen mehr Einfluss.

Drittens: Willige Bürger/Jünger/Krieger bekommt man am besten, wenn man sie ideologisiert und sie denselbene Memplex mit sich herumtragen. Sie brauchen noch nicht einmal den vollständigen Memplex. Ihre Meme brauchen weniger gute Speere (=Argumente), Krieger müssen ihre Meme nicht argumentativ verteidigen. Das machen z.B. Imame.

Meme müssen nur im Kopf des Kriegers dominant sein. Dazu hilft es, wenn der Kriegerschädel leer ist. Dann reibt sich der neue Memplex nicht mit anderen Ideen oder Überzeugungen. Jetzt könne man die letztere These gerne mal empirisch überprüfen. Dazu lade ich, wie bei all meinen Behauptungen gerne ein.

Zurück ins Kino: Das ICH-Kino bedeutet, dass man trotz unserer Unfähigkeit alles zu beobachten ohne es zu verändern (Heisenbergs Unschärferelation) kann man davon ausgehen, dass alles determiniert ist und unsere „Ichs“ notwendige Illusionen sind, aber wir humanistischerweise (nicht notwendig logischerweise) davon ausgehen, dass unsere Gefühle „echt“ sind und damit zu beachten sind. Wir sitzen in unserem ICH-Kino an unserem Platz, den wir von der Wiege bis zur Bahre nicht verlassen können. Wir sehen, fühlen, hören, denken, riechen, schmecken und SIND „wir“, unsere Natur, unser Körper, unsere Entscheidungen usw. Wir sind gefesselt in uns. Ja, wir sind nun mal auch „wir“. Wir trennen uns auch nicht irgendwann von unseren Körpern, sondern wir laufen als „Software“ notwendigerweise nur auf ihnen. Plattform und Software sind zu einem gewissen Grad eins.

Noch stärker als im Kino in der Außenwelt, noch stärker als wir uns mit unseren Spiegelneuronen mit der Hauptfigur des Films identifizieren und mit ihr und ihren Gefühlen und Entscheidungen mitfühlen, fühlen wir natürlich mit uns mit.a Wir sind eins mit uns und sehen uns auch verantwortlich für unsere Entscheidungen, obgleich sie völlig determiniert so fallen, wie sie gefällt worden sein werden. Völlig unabhängig von den Gefühlen, die wir danach haben werden! Wir müssen uns den Film anschauen und uns das menschliche Drama antun, wir müssen uns unser Drama antun, auch wenn aus dem Drama ein Trauma werden wird. Wir können sicherlich einige, wenige Szenen unseres Films genießen, doch meist ist es viel zu viel Leid (normativ, aber notwendigerweise).

Dieses Mem zu tragen, mag wie eine Einladung zum Abgeben jeglicher Verantwortung klingen, gleichwohl ist es dies keineswegs: Menschen, die dieses Mem verstehen und akzeptieren, sind sicher „gebildet“ genug, um ebenso zu wissen, dass es einen großen Unterschied zwischen Wissen und Handeln gibt. Dieses Mem beinhaltet keine Ausführungssequenz, keine Handlungsempfehlung, verspricht auch nichts und erklärt noch viel weniger. Es ist nur eine unterhaltsame Perspektive. Nichts weiter – hoffe ich?!

Ich kann die Welt für sinnlos halten und dennoch wissen, dass sie zwar zu sinnlos zum Leben, aber dennoch nicht schlimm genug zum Sterben ist. Gut, sterben geht immer. Das ist die beruhigende Gewissheit. Aber sich umzubringen bedarf schon einer ernsten Störung im Erleben oder Empfinden oder natürlich ernster rationaler Gründe. Adolf H., geboren 1889 in Österreich hatte mit Sicherheit am Ende auch Letzteres, doch mag man ihm wohl auch gerne einen ordentlichen Dachschaden attestieren.

Jedenfalls ist auch das hier proklamierte Mem nicht stärker als das, welches uns antreibt zu denken, wir hätten die Zügel in der Hand, die Hosen an, wären der Herr im Hause oder der Chef im kleinen Oberstübchen. Völlig gleich, ob wir der Sheriff im Ring sind – es hilft dem Memträger, es zu glauben! Damit hilft es dem Mem!

Mal ein anderes Mem: Es beinhaltet: „Du kommst ins Paradies, wenn du dich standhaft weigerst, Nudel zu essen und Kleidung zu tragen. Solche nackten Nudelverweigerer (NNV’s) kommen ins Paradies. Aber nur, wenn sie ihr ›Wissen‹ nicht mit anderen teilen, da das Paradies nicht unendlich groß ist und andere Menschen es den NNV’s nur versauen würden.“

Auch ein „Spring-von-der-Brücke“-Mem würde zwar wohl keine 3 Tage überleben, aber auch das NNV-Mem hätte seine Schwierigkeiten. NNV’s würden sicherlich in der Psychiatrie landen. Schade eigentlich! Psychiatrie ist aber sicher auch großes Kino …

a Außer natürlich bei bestimmten psychischen Störungen.
b Wir sind eigentlich mit all unserer Religionsversessenheit mittelalterlich. Technologisch bezeichnen wir uns eher zurecht als fortschrittlich.
c Hoffentlich ist diese Fußnote überflüssig: Natürlich kämpfen sie nicht bewusst, sondern „es passiert“ automatisch. Wie ein Stein fällt und chemische Reaktionen ablaufen, so „passiert“ das auch „einfach“. Hier gibt es kein bewusstes Wollen. Im Idealfall können wir uns der Prozesse bewusst werden und sie untersuchen.
d Ich verzichte hier gerne auf Anführungszeichen. Andere ideologische Staaten mit einiger kriegerischen (Gründer-Zeit) benutzen sie auch nicht für sich und wir nicht für sie. Damit drücke ich keinerlei Zustimmung zu diesen Memplexen aus, sondern provoziere höchstens „subtil“.

e Besonders auch im Hinblick auf die analog zur genetischen Weitergabe bedingten Kopierfehler, aber auch mit Blick auf die sprachliche Korrektheit muss es natürlich „den gleichen“ heißen

f Besonders die Älteren zeigen dies gerne: Sie wollen, dass ihre Meme sicher untergebracht sind!

g Auch wenn das nicht wohlwollend gegenüber unseren Werten und unserer glücklichen Situation in diesem Land erscheint, so war ich dennoch wohlwollend und habe von unseren Werten gesprochen, während ich andere Meme bzw. Memplexe mit „Ideologie“ negativ konnotiert erwähnt habe. Dies ist in gewissen Kreisen bitte zu würdigen.

h Bzw. wohlwollend interpretieren im Sinne der Menschlichkeit

i Das darf ich aber auch für Grimms Märchen(-Sammlung!) sagen – wirklich!

j Je nach Religion oder Weltanschauung.

Ich-Kino III (5.429 NZ)

Ob Theater oder Kino: Niemand will sich rechtfertigen müssen für seine Vergangenheit, die jetzt nur noch als „bereits gesehen/erlebt“ im Kopf klebt. Jetzt, und nicht vorhin oder gestern ist, was „Ich“ „beeinflussen kann“. Jetzt wird, was die Folge von Kritik von Gewordenem sein kann. Was wurde, muss bereits geworden sein. Was wird, wird erst noch werden und kann daher Folge werden.

Sitze ich im Theater oder Kino, ist mir die Szene, die gerade läuft, auch viel näher, als eine Szene von vor einer halben Stunde.

Das Durchwühlen der Vergangenheit ist eine gerade laufende Szene, in der man Gefühle erlebt über das „eigene“ Verhalten und Erleben einer anderen Zeit. Mal ist alles klar, mal muss man grübeln, um die Szene der Vergangenheit annähernd richtig nachzuempfinden, und manchmal muss man Hinterlassenschaften interpretieren. Vergangenheit ist Arbeit. Vorwürfe über die Vergangenheit sind nutzlos. Insbesondere, wenn sie Rache und Rechtfertigung betreffen. Die Arbeit der Vergangenheit darf bloß direkt der Zukunft dienen. Tut sie das nicht, so ist sie sinnlos.

ICH-Kino IV (5.430 NZ)

Unser Kinosaal ist verschlossen – er war es immer und wird es auch immer sein. Wir können die Achterbahn unseres Schicksals nicht verlassen – niemals. Wir wissen weder wie es außerhalb des Saals aussieht, noch wie wild und frei das Leben ist, wenn man nicht in der Achterbahn sitzt. Das Leben mag sicherer sein, die Luft süßer und das Gras grüner – oder aber ganz anders. Wessen Schicksal es ist vom Mem „Jeder ist seines Schicksals Schmid“ befallen zu werden (was ich auch bin), dessen Schicksal wird möglicherweise Druck, aber auch Motivation enthalten können. Wessen Schicksal Fatalismus für das Individuum bereithalt, der wird ihm erliegen.

Man kann seinem Schicksal nicht entkommen, man ist auf seinem Lebenspfad gefangen. Und gefangen in seinem Körper, gefangen in seiner Haut, in seinem persönlichen ICH-Kino. Allerdings laufen da durchaus auch mal schöne Filme!

ICH-Kino V und der Übermensch (5.485 NZ)

Wir denken uns gerne das Ideal vom freien Willen und des freien Lebens. So wie ich im ICH-Kino IV davon sprach, man könne nicht wissen, wie es sei, außerhalb der Achterbahn unseres Schicksals zu sein. Das scheint mir nämlich eine große Illusion zu sein. Unserem Schicksal entkommen wir nicht und wir scheinen auch nicht der Vorstellung, dem Gedanken, zu entkommen, es gäbe etwas Freies. Man sollte, auch wenn es möglicherweise nicht lebensförderlich ist (siehe ICH-Kino II), davon ausgehen, dass auch wir in den vorherbestimmten Bahnen der naturwissenschaftlichen Abläufe und ihren Gesetzen bzw. ihren Automatismen festsitzen. Wir können uns nicht abschnallen. Doch diese Idee hängt in uns. Wir wollen keine Verantwortung für uns zu groß Erscheinendes, aber wir können nicht anders, als frei sein zu wollen. Wir wollen nicht berechenbar sein. Noch nicht einmal wollen wir, dass man stochastisch ausgibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit wir wie empfinden oder handeln. Wir sind nicht frei. Das große Ganze läuft und läuft. Wir sind unglaublich klein. Wir sind kleiner, als wir es uns vorstellen können. Und dennoch sehen wir mit unseren Augen kaum Größeres. Unsere Gedanken können nichts Größeres denken. Wir können nicht glauben, dass es etwas gibt, was größer ist als das, was wir empfinden. Doch wir täuschen uns. Wir sind nicht dazu gemacht, Größeres zu empfinden oder zu denken. Wir sehen nicht mehr als wir bisher mussten. Unsere evolutionäre Entwicklung führte uns hierher. Nicht weiter. Wollten wir weiter sehen, weiter denken oder gar mehr sein, so müsste man unsere Entwicklung dahin herausfordern oder eben fördern. Doch wir werden mit unserem Menschenbild keine Übermenschen mehr. Wir werden im Rahmen unserer Möglichkeiten aber immerhin nette, kreative, kluge und hoffentlich lustige Tierchen auf diesem Planeten bleiben.

ICH-Kino VI (5.542 NZ)

In Momenten geprägt von schöner Musik, die die Seele erfüllt und die Gedanken in die hohen Sphären der Freiheit und Fantasie entführt, oder Sex, der Sorgen vergessen lässt und den Moment und die Schönheit eines Menschenlebens selbst so präsent machen, kann man wirklich vergessen, wie scheiße das Leben von Menschen doch ist. Man muss zwar zugeben, dass es nichts Besseres auf diesem Niveau von Fähigkeiten im Tierreich gibt, aber Menschen machen sich immer etwas vor und nur selten kommen sie an den Punkt, an dem sie merken, dass das Leben nicht den Grad von „Sinn“ zu erfüllen vermag, von dem Menschen nur allzu gerne träumen, wenn sie über ihr Leben fantasieren und Luftschlösser bauen. Unsere Traumwelt macht uns zu fähigen, kontrollierenden Wesen, die aus sich selbst heraus einen Sinn haben, der die ganze weite Welt prägen und alle Zeiten überdauern kann. Doch wir haben keine Kontrolle, nicht über unser Leben, noch über das Leben anderer Menschen, weder heute, noch irgendwann. Dazu haben wir nur den Sinn, den wir uns zuschreiben, aber darüber hinaus gibt es keinen Sinn in dieser Welt für uns. Es gibt nichts darüber hinaus. Würden wir uns selbst keinen Sinn geben, wären wir gescheiterte Lebewesen, noch bevor wir darüber sinnieren könnten, was Sinn überhaupt ist oder woher er kommen kann. Über unseren Horizont hinaus existieren wir nicht. Was wir sehen, füllen wir mit uns. Mit unserem Blick, mit unserem Sinn und unseren Fähigkeiten. Wir bilden uns ein, einen Einfluss zu haben auf alles, was wir sehen und ursächlich zu sein für Verhalten anderer Tiere (selbstverständlich inkl. Menschen!). Wir brauchen unseren Sinn. Und alles, was unsere Sinne erfassen, füllen wir mit unserem Sinn. Unser Sinn verschwindet mit unserem Tod.

Man mag jetzt vielleicht einwenden, was denn mit den uns liebenden armen Menschen ist? Wer aufpasst, weiß, dass investierende Menschen Beziehungen aufbauen. Menschen schätzen Dinge mehr, in die Arbeit hineingesteckt wurde. Noch mehr, wenn sichtbar Arbeit dahintersteckt. Und noch viel mehr, wenn sie selbst Arbeit hineingesteckt haben. Dann fühlen sie es. Dann sind sie Teil davon. Dann wollen sie einen Teil davon haben. Deshalb ist Liebe auch ein „Besitzenwollen“. Menschen wollen andere Menschen besitzen, wenn diese Geliebten in ihrem Kopf sind und daraus nicht mehr zu vertreiben sind. Sie sehen ihren Sinn in diesen Menschen. Nicht den Sinn anderer Menschen!

Es mag nicht besonders gut hier hineinpassen, nicht nur, weil es wie ein Bruch inhaltlicher Natur wirken könnte, sondern auch vom Gefühl her, doch der Sinn wird sich sogleich erschließen: Vorhin war ich mit schmerzhaften Magenkrämpfen, einem erstaunlichen Durchfall und drückenden Kopfschmerzen auf der Toilette. Was ich produziert habe, war auf der Bristol Stool Skala eine 6. Es war formloser, gerade noch etwas dickflüssiger brauner Brei. Eigentlich hatte ich meiner Überzeugung nach nicht schlecht gegessen, in den letzten etwa 58 Stunden zuvor. Doch das spielt keine Rolle. Eine besondere Beziehung habe ich zu diesem Mist unter mir in diesem Moment nicht aufgebaut. Doch stellte ich mir vor, ich wäre eine Frau und würde in diesem Moment keine Scheiße, sondern ein Kind aus mir herauspressen. Ich empfand keine angenehmen Gefühle dabei. Nicht nur, weil ich mich meines Erachtens nach nicht in einer sich wie auch immer darstellenden analen Phase befand, sondern, weil ich etwas herauspressen musste (auch eine 6 kann man schubweise herauspressen, wenn man Magenkrämpfe und eine scheinbar nie enden wollende Menge an Scheiße hat) und keine Kontrolle über diesen Akt hatte. Ich war entblößt und hatte Schmerzen. Dazu war eine Körperöffnung im Dauerbetrieb. Sie konnte sich nicht erholen. Wie gesagt, ich stellte mir kurz eine Frau vor. Vielleicht sogar eine Frau, die meine Sympathien auf ihrer Seite hat. Ihre Vagina wäre, trotz aller Schönheit und aller sanften aber aufregenden Reize, die von ihr ausgehen, strapaziert und bekäme nicht ihre verdiente Entspannung. Sie müsste sich dehnen (was natürlich grundsätzlich erst einmal eine grundlegende biologische Fähigkeit und Notwendigkeit ist) und am Ende eines langen und schmerzhaften Prozesses, käme etwas heraus. Etwas „Sinngebendes“, etwas, dem unter Schmerzen das Leben „geschenkt“ wurde. Eine große biologische Masse, zunächst nutzlos und hilfsbedürftig (eigentlich für Jahrzehnte). Das neue Etwas soll es sein, was uns Sinn gibt. Aber nicht nur in dem biologischen und einfachen Sinne gesprochen, sondern das Etwas, also das wahrscheinlich sogar süße Baby wird herhalten müssen für all unsere Hoffnungen auf einen höheren Sinn in unserem Leben. Dabei steht dieses kleine neue Wesen wie nichts anderes gerade dafür, dass wir die nächsten sind, die die große einmalige Bühne der Welt verlassen müssen. Auch unsere Großeltern und Eltern stehen natürlich dafür. Sie werden wohl vor uns vom Tod geholt und von der Bühne, der großen Show des Lebens heruntergerissen. Sie, die Generationen vor und nach uns, sie zeigen uns, dass der große Sinn des Lebens ein gigantischer Scheiß-Betrug ist! Unsere notwendige Illusion vom „Ich“ findet da ihren Höhepunkt und die Illusion einer höheren Bedeutung, symbolisiert von unserem eigenen Nachwuchs, dem größten Betrug unserer aller Leben, ist der Höhepunkt unseres Lebens, sozusagen der Orgasmus unseres Aktes auf der Bühne. Sollte man, wie ich es tue, jede bisher vorgebrachte Idee oder Behauptung von einem personalen Gott als unzureichend belegt ansehen und selbstverständlich nichts außerhalb der von unseren Sinnen wahrnehmbaren Dimensionen ausschließen, so kann man sich doch leicht eine Horde von nicht eingreifenden Göttern denken, die in riesigen Sesseln für uns unerreichbar und für sie doch so nah am Geschehen sitzen und uns zuschauen und sich darüber amüsieren, wie wir in unseren Illusionen und „Höhepunkten“ aufgehen, im Glück zerfließen, uns für unsterblich und unglaublich bereichernd für Gott und die Welt und ja die gesamte Menschheit sehen, und wie erbärmlich wir doch am Boden liegend zugrunde gehen, wenn unser Sinn in Form von von uns Geliebten von uns gehen muss oder wir merken, dass wir von der Bühne abtreten. Unser Leben, unsere Gefühle, unser Sinn, ja unser „alles“ eben, samt unseren Überzeugungen und den ach so tollen Werten – all das wird am Ende nur ein kurzer Akt gewesen sein, höchstens eine Nebenrolle auf der Welt großen Bühne, vielleicht zur Belustigung sadistischer Götter oder einfach den Gesetzen der Natur folgend ein Scherz in Raum und Zeit, ohne weitere Wesen, mit den notwendigen Fähigkeiten um das zu sehen und verstehen und darüber lachen zu können. Man muss ein Mensch sein, um diesen Witz zu verstehen, wahrscheinlich ein zynischer, aber dann ist der Scherz unübertrefflich!

Wohl und Wehe (ICH-Kino VII)

Es gibt keine Notwendigkeit, hier umschweifend zu werden. Es ist jedem klar, bzw. sollte es jedem Menschen klar sein, dass der Mechanismus (eigentlich Automatismus) Evolution dazu führen musste, dass Menschen von Tag zu Tag nur mit dem Wehe beschäftigt sind und, dass das Wohl wohl bloß die Verschnaufpause ist – vielleicht mit den Ausnahmen Essen und Sexualität. Das mag natürlich als zu pessimistisch erscheinen, aber leider ist der Pessimismus näher am Realismus als der Optimismus, weswegen Pessimisten wohl auch länger leben.

Das Übel, welches uns heute plagt, nachdem wir gestern erfreut waren, ein großes Übel zu beseitigen, ist nicht wirklich minder groß. Die Freude vom gestrigen Tage ist schon verblasst. Wir müssen uns eingestehen, dass wir Tiere sind, die sich selbst nicht unter Kontrolle haben. Wir haben unsere „Mechanismen“ nicht im Griff. Wir haben nicht einmal im Griff, damit gut umzugehen. Wir können nicht entscheiden, was wir tollf finden. Dazu können wir auch nicht entscheiden, wie wir „tolle“ Ereignisse vermehrt in unser Leben lassen, und wie wir schlechten Ereignissen den Zugang in unser Leben verwehren. Wir haben bloß unser Bewusstsein, das uns unser „Ich“ und unsere „Umwelt“ noch kommentieren und in Kontexte setzen lässt. Das mag praktisch oder schön sein, aber auf eine gewisse Art und Weise allerdings auch grausam. Wenn wir bloß arme kleine Mäuschen sind, die mal hungrig, mal ängstlich sind und mal Käse finden und eben auch mal einem, für uns vielleicht niedlichem, kleinen Kätzchen über den Weg laufen und dann mit pochendem Herzen wegrennen müssen, dann würden wir uns nicht besonders als von einem Gotte bedacht betrachten. Wir könnten zwar auch Wohl im Paarungsakt finden und glücklich über das Verschnaufen sein, das uns das Desinteresse des Kätzchens, das fertig mit dem Spielen ist, gibt, aber Gottes Ebenbild sieht hoffentlich anders aus. Dazu kommt nun selbstverständlich noch das Bewusstsein, das uns Mäuschen sagt, dass wir immer und immer wieder Essen suchen, wegrennen, ausruhen, Essen suchen usw. müssen. Dazu wissen wir, dass es niemals aufhört. Und wir wissen auch, weil unser Bewusstsein das weiß, dass wir irgendwann sterben und, dass das Leben eben nicht mehr zu bieten hat. Wir wissen auch, um ein anderes Bild zu bedienen, dass der Stein, den wir mühevoll den Gipfel hochgeschafft hatten, immer wieder herunterrollt. Sisyphosg musste immer und immer den Felsen auf den Hügel schaffen, und immer, wenn das Ziel erreicht schien, rollte der Stein zurück und seine Aufgabe begann von Neuem.

f Ob „toll“ nun im Sinne seiner prä-dephemistischen Entwicklung gemeint ist, oder im „heutigen“ Sinne, spielt sogar keine Rolle.

g Homer: Odyssee, 11, 593.

ICH-Kino VIII oder „Du-Kino“

Wenn man einen anderen Menschen richtig verstehen will, reicht es nicht, seine Gedanken zu denken, sondern man muss auch noch seine Gefühle fühlen. Also nachdenken und nachfühlen. Man kann einen Menschen nur kritisieren, weil man ihn nicht richtig versteht. Man müsste ihn bzw. sein Ich erleben. Und dabei würde man jede Fähigkeit ihn zu kritisieren verlieren, aber gerade dann wäre man nicht mehr ohne jede Berechtigung zur Kritik. Das, was wir tatsächlich dürfen, ist nicht das Kritisieren eines Menschen oder seiner Handlungen, nein, wir dürfen bloß unsere Gefühle und Gedanken über sie mitteilen. Daraus entsteht dann eine hypothetische Verbesserung.

Der Ärger zwischen Menschen ist naturgegeben. Wir können es nicht anders. Ärger ist ein Ausdruck von Menschlichkeit. Menschlich sein bedeutet „begrenzt sein“ und doch zu existieren.a Wir können andere Menschen nicht so gut verstehen, dass wir uns der Fähigkeit berauben würden, sie zu kritisieren. Menschlichkeit bedeutet auch, dass wir andere Menschen nicht so gut verstehen, wie wir uns selbst verstehen.

Zum Verstehen gehören Gefühle. Gefühle hat man in sich. Man sieht nur die Gefühle anderer Menschen, die sie verbal oder nonverbal (ob bewusst oder unbewusst) mitteilen. Doch der Umfang dieser Kommunikationsmöglichkeiten ist begrenzt. Selbst die evolutionär entwickelten Systeme der Gefühlsmitteilungen über Haltung, Mimik usw. ist nicht ausreichend. Wir sind komplexe Wesen. Unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Prägungen begleiten uns überall hin und sind zu umfangreich, um sie ausreichend darzulegen. Der Mensch ist verdammt zum Nichtverstehen. Scheinbar schlimmer noch: Der Mensch ist verdammt zum Nichtverstandenwerden.

Die Konsequenz ist schließlich, länger andauernden persönlichen Interaktionen mit Mitmenschen aus dem Weg zu gehen, weil man einsieht und akzeptiert, dass sie verständliche Gefühle (die man theoretisch mit einem hohen Aufwand an Zeit und Nerven verstehen könnte) haben, jedoch unverständliche immer wieder aufs neue auflodernde Problemherde sind und sich dazu meist dieser Tatsachen noch vollkommen unverständig oder uneinsichtig zeigen.b

a Also unvollkommen (und zu) sein. Nicht vollkommen zu sein, aber doch zu sein.

b Sicher kann man auch versuchen, seine soziale Kompetenz zu steigern. Doch diese wird immer Grenzen finden. Man kann auch mit diesen Kompetenzen zum Wissen gelangen, dass man scheitern muss.

ICH-Kino IX: Dem Menschen geschieht Leid.

Träume werden von uns Menschen nicht gemacht, sondern sie geschehen uns. So ähnlich hat es Carl Gustav Jung formuliert.[2]

Träume sind für uns Menschen (des Westens) ein Teil der erlebten (=subjektiven) Realität, den wir getrost ignorieren, sobald wir uns die Augen gerieben haben und uns der „objektiven“ Realität klar geworden sind und das Bett am Morgen ohne Sorgen verlassen, weil wir uns der Irrungen des Traumes entledigt haben.

Wir scheinen zu fühlen, ob etwas real ist oder „bloß“ ein Traum. Doch wissen wir es wirklich? Es ist müßig, alle Argumente hier aufzuführen, die dagegen sprechen, dass wir wirklich etwas über die Realität sagen können. Nicht bloß der nicht immer leicht zugängliche Kant hat dazu geschrieben, auch von Platon oder Descartes ist dazu etwas überliefert. Man kann sich fragen, was man wirklich wissen kann, ob wir Menschen wirklich irgendeine Art von gesichertem Wissen über die Welt haben. In eine etwas andere Richtung und etwas leichter zugänglich sind hier Erzeugnisse der Gegenwartskultur, wie zum Beispiel die filmischen Werke „Inception“ aus dem Jahr 2010 oder „Matrix“ aus dem Jahr 1999. Hierzu ist auch das Paper „The Matrix as Metaphysics“ von David J. Chalmers zu empfehlen.a

Laut C.G. Jung ist das Bewusstsein offenbar eine neue Errungenschaft der Natur, die „wohl“ noch in einem experimentellen Stadium ist und daher zerbrechlich ist.b

Ich will zunächst nur kurz erwähnen, dass sich alles zu jedem Zeitpunkt in einem „Stadium“ befindet, welches sich von anderen nicht in seiner „Experimentalität“ oder „Endgültigkeit“ unterscheidet. Allesc ist im Wandel – jederzeit. Manches „Experiment“ (also zufälliges, aber nicht beliebiges, sondern kausal bedingtes und somit notwendiges Pliroplex) ist beständiger als ein anderes.

Von allem uns bekannten Leben scheinen wir uns dadurch bloß zu unterscheiden, dass wir Menschen ein Bewusstsein haben. Dieses Bewusstsein verschlingt Ressourcen und wird wohl aus diesem Grund relativ sparsam eingesetzt.d Dies hat sich entwickelt, weil – so legt es die Evolutionstheorie nah – es sich vorteilhaft herausgestellt hat, ein Bewusstsein zu entwickeln. Es kann nicht bloß eine „unnütze“ Entwicklung sein, die einfach kein besonders großer Evolutionsnachteil ist, da das Bewusstsein eine ressourcenintensive Entwicklung ist. Um den Nutzen des Bewusstseins soll es hier allerdings nicht gehen.

Unser Bewusstsein scheint ein „Feature“, eine Eigenschaft, zu sein, die sich „on top“ auf unsere bisherige (schon damals) tierische Psyche gelegt hat und das „Darunter“ nicht ersetzt, sondern auf irgendeine Art und Weise mit ihm kommuniziert. Vermutlich läuft der Großteil der Prozesse der Psyche weiterhin im Unbewussten und landet nur bei Bedarf im Bewusstsein, falls das Gehirn ausreichend Energie hat. Dafür spricht auch das Libet-Experiment aus dem Jahr 1979, welches mit neueren Untersuchungen von Kühn und Brasse so zu interpretieren ist, dass eine Wahl zwischen Handlungsalternativen nicht frei getroffen wird und erst danach bewusst wird. Dem ist noch hinzuzufügen, dass Handlungen nicht notwendig überhaupt bewusst werden.

Wir sind also Tiere, bei denen gewisse „Dinge“ in einem Bewusstsein ablaufen. Wir nehmen uns anders „selbst“ wahr. Wir sind wer. Doch gibt es zwei große Probleme damit:

Wir nehmen uns zwar mit unseren Handlungen und kognitiven Prozessen wahr und versuchen uns selbst (unser Bewusstes) kausal an den Anfang zu stellen in Bezug zu unseren Handlungen und wir ignorieren „Ausbrüche“ des Unbewussten als (Verw-) Irrungen im Bewussten, obwohl wir bloß Tiere mit einem „Bewusstseins“-Add-on sind. Das, was wir erleben, ist nicht nur unser Bewusstsein. Das, was wir durch unser Handeln sind, ist nicht, wer wir sind. Wir sind bloß unser Bewusstsein, wir sind bloß eine (nützliche) Einbildung. Wir sind bloß das Wahrnehmen – das bewusste Wahrnehmen, das sind wir. Der Rest dessen, was wir bisher als zu unserem „Ich“ zugehörig empfanden, ist außerhalb unserer Kontrolle. Genau genommen unterliegt nichts unserer Kontrolle. Das „Ich“ ist eine Wahrnehmung, eine bewusste. Mehr sind wir nicht.

Ein Problem ist also die nützlicherweise falsche Wahrnehmung unseres Selbst.

Ein anderes Problem betrifft schon die Tatsache, dass wir wahrnehmen, bzw. bewusst erleben können. Man kann wohl getrost davon ausgehen, dass die meisten Tiere Leid empfinden können (bzw. können müssen). Doch wir Menschen haben quasi eine verbesserte Wahrnehmung von Leid – wir haben bewusst kognitive Prozesse über unser Leid: Wir können unser Leid uns krankhaft im Bewusstsein konservieren. Wir sind die potenzielle Leid-Elite.

Die problematische Folge davon ist, dass es mehr und stärkeres Leid gibt. Stärker, weil wir es „besser“ erleben und mehr, weil es sich in unserem Bewusstsein festfressen kann. Außerdem ist Leid ein von der Entropie präferiertes Ergebnis.f

Der Mensch ist ein Tier, dem leidvolles Leben besonders geschieht.[3] Menschen sind Tiere, die, wie viele andere Lebensformen auch, die zwischen „gut“ und „schlecht“[4] unterscheiden (Wohlbefinden – Leid). Wie alle anderen uns bekannten Entitäten[5], die man als Naturalist kennt, hat auch der Mensch keine Möglichkeit, den Lauf der Dinge zu ändern. Er ist dem Leid oder Wohlergehen schutzlos ausgeliefert. Der Mensch ist nun unter allen Tieren jenes Tier, dem der Lauf der Dinge (Entropie, Evolution, Energie) ein besonderes Wahrnehmungsfenster geschaffen hat. Inmitten der tierischen unbewussten Existenz einiger Äffchen: das Ich. Wäre dieser „Lauf der Dinge“ ein Gott (personalisierte unendliche Energie mit Willensfreiheit), dann wäre dieser Gott ein beeindruckender wahrhaftiger Sadist.

[2] C.G. Jung: Traum und Traumdeutung, 15. Auflage 2013, München, S. 12.
[3] Falls Mitleid hier nicht automatisch folgt, so hier noch ein Mem: „Hier ist Mitleid angebracht – wirklich“
[4] in Bezug auf ihre Existenz
[5] = Pliroplexe

a http://consc.net/papers/matrix.html. Zuletzt aufgerufen am 27.09.2015.

b C.G. Jung: Traum und Traumdeutung, 15. Auflage 2013, München, S. 16.

c Zum Beispiel ein jedes Pliroplex.

d Leichter Einstieg zum Thema: http://www.welt.de/wissenschaft/article3411612/Die-heimliche-Macht-des-Unbewussten.html, Aufgerufen am 27.09.2015.

e Kühn, Simone, und Brass, Marcel: „Retrospective construction of the judgement of free choice“. Consciousness and Cognition 18 (1), 2009, S. 12–21.

f Sie hat kein Bewusstsein, aber die Wahrscheinlichkeiten gehen klar Richtung von Menschen ungewollte Ergebnisse.

An seiner Stelle würde ich … (ICH-Kino X)

Man hört immer wieder das Beschweren oder Ratgeben über oder für einen gerade nicht anwesenden Dritten, z.B.: „An seiner Stelle würde ich mal nachdenken, was er anrichtet, wenn er …“ oder „An ihrer Stelle würde ich auf keinen Fall diesen Job annehmen – Wie kann sie nur?!“

Dies ärgert mich ein wenig, wobei es mich beinahe gleichermaßen amüsiert. Was ist „seine Stelle“ oder „ihre Stelle“? Gemeint ist damit wohl doch, dass man man selbst ist, aber vor denselben Entscheidungen wie ein anderer Mensch steht. Gemeint ist doch nie, dass man dieselbe Person ist, dieselben Erfahrungen gemacht hat, im selben „ICH-Kino“ steckt, also genau das erlebt und erlebt hat und ist, was diesen anderen Menschen ausmacht. Die Situation, über die gesprochen wird, beinhaltet eine Reihe von inneren Zuständen, die zu einem gewissen Verhalten führen.

Beispiel: A nimmt einen schlecht bezahlten Job an. B und C zu zweit reden darüber, wobei B meint, dass er an Stelle von A den Job nicht genommen hätte. Es entstehen zwei Situationen in diesem Beispiel: Situation 1, in der A einen Job wählt, und Situation 2, in der B denselben Job wählt. Worin unterscheiden sie sich? Gemeint ist nicht, dass „an seiner Stelle“ bedeutet, dass A=B, was zu 1=2 führen würde. Nein, gemeint ist das sicher nicht. Einen Unterschied muss es geben zwischen A und B. Der Unterschied zwischen den Personen muss es sein, der relevant ist, da sonst das ganze Gespräch sinnlos wäre.

Wo ist der Unterschied zwischen A und B in Situation 1 und 2? Sind es die Jobpräferenzen? Das wäre Quatsch, da B für A doch keinen Job wollen würde, der A nicht gefällt. Falls A eine Familie hat, darf angenommen werden, dass der familiäre Hintergrund von A in Situation 1 der von B in Situation 2 werden müsste. Der familiäre Aspekt ist in der Regel sehr entscheidend für Berufswahlen. B könnte keine ernsten und bedachten Ratschläge erteilen, wenn die Situation von A in diesen Belangen nicht ein Bestandteil des Ausgangspunkts wäre. Falls A Gründe (wie Gefühle) für seine Jobwahl in Situation 1 hat, die B unbekannt sind, so kann B keine Aussage über Situation 1 machen und über eine Situation 2 braucht man in dieser Form nicht zu reden.

Man kann immer von vergleichbaren, ähnlichen Situationen reden, aber nie von identischen, da dies keinen Unterschied machen würde. Handelt es sich um dieselbe Situation, so kommt dasselbe aus denselben Gründen heraus, die identisch gut oder schlecht sind. Ist die Situation nicht identisch, so ist man nicht „an der Stelle von“, sondern in einem Paralleluniversum, in dem alles möglich, aber kein Realitätsbezug nötig ist. Dieses Gespräch ist also ab „An seiner Stelle würde ich …“ kompletter Unsinn.

Der Weisheit letzter Schluss (ICH-Kino XI)

Alle Demut hat mich verlassen. Auch von der Bescheidenheit weiß ich nichts mehr. Wohl ist es mir nicht fremd, vom vielen Unwissen in meinem Schädel nichts zu wissen, doch so weit mein Auge reicht, sehe ich kein Wissen, das meiner starken Überzeugung widerspricht, noch sehe ich einen Anflug von Unwissen, welches ich beackern müsste.

Meiner Überzeugung nach ist die Welt der Menschen ein wirklich gewordenes Hamsterrad, dessen Schmerz der Mensch nicht ausweichen kann. Es führt kein Weg dran vorbei. Alles was der Mensch tut, ist Übel oder hat Übel zur Folge, auch wenn es kurzfristig oftmals nicht so scheint.

Ja, voller Überzeugung kann ich zustimmen, wenn man behauptet, Leben ist ein Übel und das Totsein ist das einzige Paradies, das existiert, da wir dann eben nicht existieren.

Menschen jagen, von Grund auf nie zufrieden, nach dem Glück und erreichen es nie. Menschen verzichten auf Glück im Hier und Jetzt und leiden ebenda und leiden aber ebenso anderswo. Menschen lassen sich verführen von der Hoffnung auf Glück hier und heute und genießen nur kurz ihre Beute. Länger als das Glück währt immer das Unglück. Menschen suchen Freunde und finden Schwächen. Menschen suchen Liebe und finden Schwächen – eigene wie auch fremde, doch wer will sich anmaßen, dies zu unterscheiden? Menschen jagen der Liebe hinterher und finden sich doch immer wieder enttäuscht und alleine vor.

Menschen sind nicht ihrer selbst Zweck, waren es nie und werden es nie sein. Immer werden sie gefangene Illusionen von Materie sein. Ihre Existenz ist bloß ein Häufchen überwiegend negativer Emotionen. Wo zu viel Glück der Illusion widerfährt, ist der Tod nicht fern. Wo Übel ist und das Kreuz aufrecht dem entgegenhält, dort alleine ist Leben. Leben ist nicht Langeweile, Leben ist, was die Struktur guter Geschichten ist, doch ein jämmerlicher Bruchteil dessen: Ziele, Widerstände und endlose Wiederholungen. Das Glück aller Erzählungen ist ihr Ende. Ihr Ende ist es, welches befreit.

Leben geht nur schlecht. Gutes Leben ist eine alberne Naivität.

Gibt es denn keine Ausnahmen?! Der arme Tor, der noch immer so blöd (als) wie zuvor, nicht genug vom Leben weiß, um es zu verneinen. Dazu die scheinbar größte Ausnahme: Die vom Glück geküssten Wesen mit allen Mitteln der Entropiearmut, die Ressourcen, die uns die Welt bedeuten. Doch entweder ist ihr Leben das gleiche auf vermeintlich hohem Niveau oder es ist eine durch fragwürdige Mittel regenbogenfarben getränkte schöne Welt, die noch schneller ihr Ende sucht. (Das ist die Antwort.)

WIR-Kino? (ICH-Kino XII)

Heiraten ist die Bejahung der Illusion, man könnte aus einem Ich ein Wir machen. Doch nach dem Trauen zur Trauung gibt es bloß zwei Individuen, die von der Interessenslage her noch immer zwei Einzelne sind, sich aber bestenfalls (dem Ideal nach) dem Gedanken hingeben, man könnte mit einer Stimme sprechen. Wie allerdings Arthur Schopenhauer schon klugerweise festgestellt hatte, halbiert sich jedes Individuum durch die Heirat die Freiheit und verdoppelt zugleich die eigenen Pflichten.

Klugerweise ist das zu vermeiden. Nur selten wird ein Verstand sich tatsächlich dazu entschließen, sich eheliche Pflichten aufzuladen. Es ist nichts, in das man sich hineindenkt mit dem Wissen heutiger Tage. Es ist nichts, in das man mit heutigem Wissen hineinwollen kann. Es ist die Aufgabe von Freiheit und die Auferlegung von Pflichten, die man nicht wollen kann. Dennoch geraten Menschen nicht nur in ein solches Konstrukt versehentlich hinaus, sondern einige zielen mit tiefem Wunsch nach der Ehe auf ein solches Leben. Doch wer wählt solche Wünsche? Auch dort gerät man hinein, wenn man schönen Geschichten Glauben schenkt, wenn man Optimist ist.

Ansonsten, wie gerät man in die Ehe? Es geschieht, wenn man nicht äußerst weitsichtig agiert. Es geschieht, wenn man nicht Situationen vermeidet, in denen Menschen lauern, die attraktiv wirken, also vielleicht positive optische, emotionale, soziale, intellektuelle oder charakterliche Eigenschaften haben. Nichts ist schrecklicher als das Nichtschreckliche, als das zu Recht Begehrte! Unter Menschen, besonders mit sozialem Katalysator in Form von Alkohol, ist es nachvollziehbar, sich von diesem Übel der Liebe oder Lust verschlingen zu lassen, das in einer kindlichen Sehnsucht nach der Verehelichung nur allzu leicht enden mag.

Eine Beziehung ist notwendigerweise wie ein untergehendes Boot. Beziehungen scheitern. Das ist empirisch und logisch einsichtig, es ist evident. Befindet man sich in einer Beziehung, die noch einen Nutzen hat, so ist abhängig vom Nutzen einzuschätzen, wie viel Aufwand für sie betrieben werden sollte. Manchmal reicht ein klein wenig Aufwand, um einen noch recht großen Nutzen aufrechtzuerhalten; mal ist der Aufwand unverhältnismäßig. Falls der Aufwand noch einigermaßen vorhanden ist, der Nutzen aber stark reduziert wird, so ist die Frage zu stellen, ob für einen ganz individuell ein sinkendes Boot genauso gut ist wie bootlos zu sein. Der Nutzen des untergehenden Bootes ist ohne Boot nicht mehr gegeben. Ein frisches, noch intaktes Boot ist aber natürlich leichter zu finden, wenn man auf einem anderen Boot, und nicht ertrinkend, sichtbar ist. Und wer nicht schwimmen will, sollte sich auf einem Boot halten, manchmal muss man dann auch bei der Reinigung und dem Erhalt des Bootes helfen. Doch wer gut und gerne schwimmt, oder vielleicht sogar auf der einsamen Insel ist, fernab der Mühen des Geschlechtslebens, der findet sein Glück in sich selbst, sofern er diese geistige Tiefe hat.

Was ich habe und bin (ICH-Kino XIII)

Was bin ich nackt, ohne alles vor dem Bildschirm? Was bin ich, wenn ich bloß da bin, bloß erlebe, was ich zu erleben habe und agiere, wie ich infolgedessen zu (re-)agieren habe? Ich bin, wie ich zu agieren habe und ich bin, was ich erlebt habe. Was ich noch zu erleben habe und wie ich noch zu agieren habe, macht nicht aus, wer ich bin, sondern wer ich sein werde. Meine Zukunft ist mein künftiger Weg, doch nicht wer ich bin, weil ich unter der Illusion zu sein habe, meinen Weg selbst und frei wählen und bestreiten zu können, sei die Illusion mir bewusst oder unbewusst. Ohne diese Illusion ist das Leid, das ich zu erleiden habe, größer.

Nun sind also mein Charakter, nämlich meine Art zu agieren oder reagieren, und mein vergangenes Erleben, was ich bin. Habe ich nichts in der Welt und bin ich alleine, so habe ich nichts außer mir. Und ich bin, was ich tue und erinnere.

Der Strom der Gedanken, welcher gespeist wird von Sinneseindrücken und vom Charakter geformten Sinneseindrücken, macht mich aus, bleibt in mir hängen und verändert ab und an ein wenig meinen Charakter. Der Strom der Gedanken, dieser – meine – Fluss des Bewusstseins, ist von meinem Charakter nicht zu unterscheiden. Auch ist nicht klar abzugrenzen, was ich war oder bin, da jeder neue Impuls des Flusses meinem Charakter einen neuen Spin geben kann und somit eben das, welches in der Rückschau zu beantworten versucht, was es sei, verändern kann. Eine Kontinuität ist vorhanden, doch nur zum Teil ist sie nicht imaginiert. Zu einem größeren Teil ist sie eingebildet. Sie ist mehr konstruiert als aus sich heraus beständig. Und doch ist sie so echt wie notwendig, weil sie nämlich notwendig ist, wird sie echt. Jede Rückschau konstruiert, was sie braucht – wenigstens in einem Menschlein, welches insofern als gesund zu bezeichnen ist, als dass es Angriffe von außen abzuwenden und sich zu erhalten weiß.

Der Strom an Gedanken, jedes Gefühl, das ich habe, alles, was ich zu spüren habe, beinhaltet das Potenzial, mir zu schaden, oder aber mir zu nutzen. Es kommt auf den Charakter an, der wiederum auch von vielem abhängt. Und so, eben so, ist klar, dass das, worauf es ankommt, nur so real ist, wie es notwendig ist – notwendig um zu sein. Alles was ist, muss, was es braucht, als notwendig ansehen – ohne zu erkennen, dass es nur als so angesehen wird.

Was bin ich nun? Das Eine, wenn ich diese Frage stelle, und ein Anderes, wenn ich sie nicht stelle. Wie funktioniere ich gut? Wie funktioniere ich besser? Ist das die Frage, die vor einer solchen Frage zu stehen hat? Ist das die Frage, die zu stellen ist, anstelle der Frage, wer ich sei? Die Krux an der Sache ist nun aber die folgende: Der meinige Fluss mäandriert scheinbar stets in jene Himmelsrichtung, welche wohl die Frage nach Funktionalität nicht aufwirft, sondern nach einem scheinbaren Kern, der aber doch nicht die Antwort sein kann, nicht auf Dauer. Ist nämlich der Kern wirklich ein solcher oder ist das der nur der Fußboden meiner eigenen Notwendigkeit, welche ich notwendig brauche? Oder vielleicht gar nur der Boden einer oberen Etage. Was unter meinem persönlichen Fundament steckt, erfahre ich nicht. In mir entdecke ich kein Ansich. Meine Augen, alle meine Sinne schweben in der Luft, insoweit sie nicht nahe am Grund sein können. Und doch sind sie nicht an der Luft, insofern sie sie nicht riechen können. Riechen, schmecken, sehen, fühlen, hören und auch anderen Sinne, auch innerkörperliche, sind nur Projektionen im ansonsten dunklen Raum. Der Raum ist mein Kino.

Der Kinosaal ist Wirklichkeit. Ein reales Gefängnis der Illusionen. Der Kinosaal ist nicht Realität. Die Realität ist außerhalb des Saals, doch wir können nicht heraus aus unserem Sitz. Die Realität ist tief in mir, doch ich kann nicht tief genug hineinsehen.

In mir sehe ich allerhand, meine Gedanken, wie sie hindurchfließen und mich berühren. Und natürlich sehe ich meinen Willen. Doch sehe ich woher er kommt?

Nun sind also wieder Gedanken durch mich durchgeströmt. Und wohl auch hinaus. Jedenfalls muss ich davon ausgehen, dass die Worte, die ich nun gefasst und (hin-)ausformuliert habe, hinausgehen. Auf dass sie wiederkommen, vielleicht mit einem neuen Spin, aus einer anderen Richtung. Oder sie haben mich verändert. Ich fasse sie, für mich, um mich zu erkennen und ein wahres Stück von mir zu erfassen, zu fassen in diesem strömenden Fluss. Die Reise geht weiter. Ich schaue nun wieder auf die Leinwand, nicht mehr in mich. Und da bemerke ich etwas: Habe ich je weggeschaut von der Leinwand? Konnte ich bewusst weg von ihr schauen, auf mich? Konnte ich meine Sinne wirklich lenken? Habe ich nicht stets gebannt aus dem Fenster geschaut, in das Leben? Und in diesem Fenster mal mich, mal das Andere leben gesehen? Aus einem anderen Fenster konnte ich nicht schauen. Ich habe nur dieses eine Fenster. Ich habe nur eine Leinwand. Alles andere ist dunkel, schwarz. Ich habe nur ein paar  Sinne. Ich habe nur einen Strom an Gedanken. Ich konnte nicht jungfräulich aus dem einen bayerischen Bächlein heraushüpfen und mich in ein anderen hineinwagen. Ich habe wohl notwendig gedacht, dies zu praktizieren, doch konnte ich nicht. Auf dem Sitz gefesselt, dem Einen Sitz. In dem Strom gefangen, da ich der Eine Strom bin. Ich bin der Strom, der sich selbst betrachtet – nicht, wann er will, sondern wann er es tut. Nicht, wenn er will, sondern wenn er es tut. Ich betrachte mich, wenn ich mich betrachte.

Wo ist der Wille? Es gibt ihn nicht. Nicht den Einen Willen, der sich in allen Kräften, Steinen, Pflanzen und Tieren zeigt und dann, wenn er sich in einem Menschen wiederfindet, sich selbst betrachten kann (AS (Arthur Schopenhauer) -WII Kap. 17). Wir wollen, aber das ist nur ein Gedanke, den wir denken und auch fühlen. Wie alle inneren Sinne uns Gedanken liefern, deren Konsequenzen wir zu fühlen haben. Die Sinne sind dabei genauso wenig real und nur wirklich, wie die Annahme, welche im Alltag keiner Antwort, wohl aber einer Therapie bedürfe (AS-Wi §19), also die im Alltag wenig nützliche und schlechte Annahme, es gäbe keine anderen Wesen mit Gedanken/Gefühlen. Es sind notwendige Wirklichkeiten, nicht aber die notwendige Realität. Es gibt nur meine Gedanken. Von denen sind die meisten schmerzlich. Vielleicht reißt der Strom irgendwann ab und mit ihm auch die schmerzlichen Gedanken. Vielleicht ist bald das Ende erreicht …

Schuld im ICH-Kino XIV

Ich frage mich, wo die Schuld zu verorten ist – zeitlich. Wenn ich aufwache und keine Erinnerungen an irgendetwas habe, aber vor meiner Amnesie ein furchtbares Verbrechen begangen habe, wäre Schuld vorhanden, auch ein theoretischer Anlass für Schuldgefühle. Doch Letztere sind nicht vorhanden. Schuld wird mir zunächst auch niemand zuweisen. Nun erfahre ich von dieser schrecklichen Tat, bzw. von dem Opfer. Ich habe nun Mitleid, habe aber ansonsten aufgrund meiner fehlenden Erinnerungen keinen Bezug zum Verbrechen. Sobald ein Schimmer von Erinnerung an eine mögliche Beteiligung am Verbrechen als Täter auftaucht, kommt damit zugleich auch das Schuldgefühl – auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich damit wirklich etwas zu tun habe, oder wenn ja, wie. Sehe ich nun das Opfer wieder, habe ich wohl starke Schuldgefühle. Ob ich aber tatsächlich Schuld habe, weiß ich nicht. Woher ist dieses Schuldgefühl und woher kommt die Schuld?

Ich denke nun, dass zwar keine Schuld nötig ist für ein Schuldgefühl und das auch andersherum nicht nötig ist, aber ich sehe in diesem Falle eine Schuld. Ich weiß etwas, was ich dem Opfer mitteilen müsste, aber unterlasse dies.

Habe ich nun dem Opfer von einer möglichen Beteiligung berichtet/gebeichtet und spiele mit offenen Karten, so mag noch ein Schuldgefühl da sein, aber das muss es nicht, da man sich nach Beichten oder Offenheit in der Regel befreit fühlt.

Was ich sagen will: Das gegenwärtige Ich, das Ich, dessen Zeiträume nur Sekunden sind, kennt keine Schuld, die es nicht gegenwärtig im Hier und Jetzt verschuldet. Das vergangene Ich erzeugte eine Schuld, die kein späteres Ich im ICH-Kino trägt. Die einzige Schuld, die ein Ich in Bezug zu einer alten Schuld trägt, ist die Schuld, mit der alten Schuld nicht richtig umzugehen, nicht damit falsch umgegangen zu sein.

Die Konsequenz daraus ist, wie auch schon aus meiner Verneinung der Willensfreiheit, keine nennenswerte, da der Zweck der Strafe oder des Tadels so oder so die Vermeidung künftiger tadelswerten Taten sein sollte. Strafen sind bspw. negative Motive die stets im Hier und Jetzt auf potenzielle Täter wirken sollten und nicht die Vergangenheit der Täter bewätigen (aus der Opfer-Perspektive stellt sich dies anders dar, aber das ist eine weniger rationale Perspektive; eine andere Hilfe wäre angebracht).

Hat sich in der Vergangenheit jemand an mir schuldig gemacht, so darf ich im Kopf haben, dass der jetzige Schuldner nicht der Übeltäter vergangener Tage ist und er jetzt nichts für vergangenes Leid kann und er jetzt nur neues Leid verhindern oder neues Glück schaffen kann. Allerdings darf ich auch daran denken, was neue noch zu werdende Täter in mir sehen und wie ich sie davon abbringe, Schuld auf sich zu laden.[1]

Sicher ergeht es jedem Täter, der die Folgen seiner Tat sehen kann – und mehr, je mehr er sie sehen oder »leben«/empfinden kann –, so wie jemandem, der sich an schöne Momente erinnert und rückblickend bemerkt, wie schnell sie vorbeigegangen sind. Der Täter sieht seine Tat nur noch in den Folgen und in seiner Erinnerung (was auch eine Folge ist) und er hat keinen Zugriff mehr auf die Tat. Jemand, der sich an Momente schöner Zweisamkeit erinnert, trauert Momenten hinterher, die er nie hätte langsam genug erleben können, die er nie hätte genug genießen können, da der schönste wie der schlechteste Moment ein Ende hat. So wie jeder Geschlechtsakt einmal zu Ende ist, ist auch jeder Moment einer Entscheidung zu einem Mord einmal vorbei.

Wenn man ist, hat man eine Vergangenheit, sie ist belastet und steckt voller Probleme mit Gegenwartsbezug. Doch hinterlässt die Vergangenheit keine Schuld, sie hinterlässt nur Arbeit, an der man sich schuldig machen kann.

[1] Zu bedenken ist natürlich, in welchem Ausmaß mein Tadeln neue Täter verhindert.

 

Artikelbild: Photo by Karen Zhao on Unsplash

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