Der Bericht der Bild-Zeitung zu den 77. Golden Globes am Sonntag, den 5. Januar 2020 in Beverly Hills, ist Anlass für diesen kurzen Artikel. Um Artikel einer anderer Sorte geht es hier auch. Der britische Comedian (und Radiomoderator, Schauspieler, Autor, Regisseur und Filmproduzent) Ricky Gervais hat zum fünften Mal die Golden Globes moderiert und dabei Witze auf Kosten der prominenten Nominierten gemacht. Unter anderem fiel dabei dieser Satz:

So if you win, come up, accept your little award, thank your agent, and your God and f*** off, OK?

Die Bild-Zeitung übersetzte das mit:

Wenn du gewinnst, komm hier hoch, nimm deine kleine Trophäe entgegen, danke deinem Agenten und Gott und dann verpiss dich.

Der kleine, aber feine Unterschied mit der wahrscheinlich größten Bedeutung ist ein fehlendes Possessivpronomen. Ricky Gervais sagte „your little award“, „your agent“ und „your God“. Auf Deutsch muss das lauten: „dein kleiner Preis“, „dein Agent“ und „dein Gott“.

Es ist immer möglich, Artikel oder Possessivpronomen bei Aufzählungen auszulassen, wie etwa bei „dein Auto, Haus und Boot“, wo klar ist, dass das „dein“ für alle folgenden Gegenstände gilt. Aber wenn es wie in dem Artikel der Bild-Zeitung „deine kleine Trophäe … deinem Agenten und Gott“ heißt, dann ist hier explizit ein Possessivpronomen ausgelassen worden. In dieser Form gilt für das Wort „Gott“ dann kein Possessivpronomen.

Bild, 6.1.2020

die übliche Vernachlässigung der Götter bei Artikeln und Possessivpronomen

Am 19. April 2019 hieß es im Spiegel „Immer weniger Deutsche glauben an Gott“. Was würde passieren, wenn es hieße, „immer weniger Deutsche glauben an den Gott“?, oder wenn es dagegen hieße, „immer weniger Deutsche glauben an einen Gott“?

  1. „an den Gott“: Hier wird nicht nur fest davon ausgegangen, dass es einen Gott gibt, sondern einen ganz bestimmten, bekannten Gott. Diese sprachliche Form ist nicht notwendig, wenn in dem Sprachraum nur von einem bestimmten Gott ausgegangen wird. Deutschland ist christlich geprägt. Daher ist mit dem Wort „Gott“ immer nur ein spezielles „Ding“ gemeint – das christliche Gotteswesen. Das ist vielleicht nicht ganz fair zu den ganzen nordischen, römischen, griechischen, indischen und den anderen Göttern.
  2. „an einen Gott“: Hier wird keine Existenz festgelegt, implizit aber natürlich einem gewissen Publikum klar gemacht, dass man sich nicht unbedacht religiös festlegt. Diese Form ist die aufgeklärte Variante, in der man kundtun kann, dass jemand an einen Gott glaubt, ohne sich selbst auch festzulegen. Damit ist man fair zu den Menschen, die an keinen oder an einen anderen als den in diesem Kulturkreis üblichen Gott glauben.
  3. „an Gott“: In dieser sprachlichen Form ist man weniger religiös festgelegt als mit einem bestimmten Artikel (1), aber deutlich mehr als mit einem unbestimmten Artikel (2). Diese sprachliche Form ist die prominenteste im deutschsprachigen Raum. Hier gilt implizit weitestgehend, was für die Variante mit dem bestimmten Artikel gilt, da in diesem Kulturkreis stets von einem bestimmten Gott ausgegangen wird und der daher nicht mit einem Artikel spezifiziert wird.

Spiegel, 19.4.2019

 

Ricky Gervais ist ein Atheist

Als Atheist nutzt Ricky Gervais bewusst Possessivpronomen und unbestimmte Artikel bei Göttern. Zu seinem Weltbild hat er sich bereits mehrfach in Interviews geäußert. Daher ist auch die Wortwahl dieses Zitats kein Zufall. In seiner Rede hätte er sagen können:

  1. „dankt dem Gott“
  2. „dankt einem Gott“
  3. „dankt Gott“

Mit dem Gebrauch von Possessivpronomen hat Ricky Gervais die Varianten der bestimmten Artikel und der Artikellosigkeit verworfen und auch anstelle eines unbestimmten Artikels das Pronomen „dein“ genutzt und sich noch stärker abgegrenzt. Er hat den Glauben an einen Gott somit zu einer individuellen Sache erklärt und den Absolutheitsanspruch der monotheistischen (wie wohl auch anderer) Glaubenssysteme verworfen.

Fazit

Den Göttern oder dem Gott, irgendeinem Gott jedenfalls kommen anscheinend die Gläubigen abhanden, vielleicht sollte man ihnen oder ihm dann wenigstens Artikel oder Pronomen gönnen. Außerdem sollte man sich vielleicht nicht so sehr auf den christlichen Gott festlegen. Wie man nicht immer nur Spaghetti essen sollte, kann man auch in der Wahl der Götter etwas breiter aufgestellt sein.

Bewusst oder unbewusst hat die Bild-Zeitung einen bewusst religionskritischen (oder aufgeklärten) Witz schlecht übersetzt. Wortwörtlich richtig kann man kaum übersetzen, besonders wenn kulturelle Besonderheiten damit verbunden sind. Aber zum einen sind diese beiden Sprachen recht eng miteinander verwandt und zum anderen ist die Wortwahl von Ricky Gervais in diesem Kontext recht eindeutig. Und dazu: Er ist besonders dem Golden Globes-Publikum recht bekannt.


Artikelbild: Von Thomas Atilla Lewis, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15735536

7 Antworten

  1. Muriel sagt:

    Naja, Witz.
    Es war halt einer dieser saudummen Sprüche, die wir von dem Otto gewohnt sind.

    • Es ist doch eine schöne, subtile Form der Gotteslästerung 🙂
      Gervais hat einen guten Humor und macht meist ganz bedacht Witze, finde ich.

      • Muriel sagt:

        Oah.
        Es wird dich nur marginal jucken, aber weils mir ums Prinzip geht, erwähne ich es trotzdem: Du hast jetzt einen Follower verloren. So transfeindlichen nach unten tretenden Müll hab ich genug in meinem Leben, da muss ich nicht noch mehr hinein abonnieren.

        • Schade, ich fand deine Kommentare immer ganz interessant und unterhaltsam.

          • Muriel sagt:

            Schön, dass du das so wahrgenommen hast. Vielleicht nimmst du diesen oder irgendeinen späteren Hinweis mal als Anlass, deine Haltung und deine Privilegien zu checken und deine Einschätzung anzupassen. Du weißt ja, wie du mich dann findest, falls Interesse besteht.

          • Muriel sagt:

            Eine kurze Anregung dazu vielleicht noch: Wenn du meine Kommentare schon interessant fandest, wie interessant mögen dann erst Kommentare von Leuten sein, die nicht auch von einem Weißen cishet Dude kommen?
            Das ist die Art Kommentator*in, die eher abgeschreckt werden durch sowas.
            Ich weiß natürlich nicht, wem du sonst so folgst und was du liest, aber zumindest in der Hinsicht entgeht dir also einiges.

          • Danke für die Anregung. Ich habe dazu vier Bemerkungen:
            Erstens wären bestimmt auch viele Menschen abgeschreckt, wenn ich im generischen Femininum schreiben würde, auch wenn ich es in jedem Fall eine beachtliche und bemerkenswerte Leistung finde, ein Buch konsequent so zu schreiben.
            Zweitens sehe ich Sprache weniger als ein unmittelbares Werkzeug, um die Welt zu verändern, sondern sehe den unmittelbaren Zweck darin, Informationen auszutauschen. Dabei helfen sprachliche Konventionen, die nunmal über einen langen Zeitraum entstanden sind. Dass diese Konventionen oftmals nicht fair, nicht gerecht und auch nicht gut sind, stimme ich zu. Aber „mensch“ wird verstanden (und das versteht nun leider nicht jeder). Ich versuche daher, mich an die gängigen sprachlichen Konventionen zu halten. Das gelingt mir sicher nicht oft genug. Verändern sollte man meiner Ansicht nach mit Sprache nur mittelbar, eben durch den Informationsaustausch. Und dieser sollte dann nicht voller Stolpersteine sein.
            Drittens habe ich die statistisch gerechtfertigte Erwartung, dass tatsächlich die meisten Menschen, die Artikel von mir lesen, weiß und „cishet“ sind, da die Sprachgemeinschaft der deutschen Sprache so ist. Ob die sexuelle Identität meiner Leserschaft nun so oder so (oder so) ist, ist mir ganz gleich. Es geht mir mehr um den Inhalt und weniger darum, wie sich die Lesenden selbst charakterisieren, wie sie charakterisiert werden, oder was sie so machen.
            Viertens glaube ich, dass man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen einzigen Menschen treffen wird, dessen ganzen Ansichten man völlig teilt. Dennoch kann man Freude an derem Schaffen oder Übereinstimmungen in manchen Ansichten haben. So sehe ich es bspw. mit Ricky Gervais, ohne zu sagen, ob und wo ich abweichende Ansichten habe, weil es mir darum hier nicht geht.

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