Zeitraster: Wann beginnen Vorlesungen an Universitäten?

geschrieben von Michael Crass

An Universitäten stellen sich Studenten in der Regel ihre Stundenpläne selbst zusammen. Fakultäten händigen keine fertigen Stundenpläne aus, sie haben allerdings Erfahrungswerte und gewisse Vorstellungen davon, welche Module in welcher Reihenfolge am besten belegt werden sollten, da einige Veranstaltungen Vorwissen voraussetzen. Dennoch kann und darf eine Fakultät Studenten nicht vorschreiben, zu welcher Stunde an welchem Wochentag was zu belegen ist. Idealisiert ist eine Universität schließlich ein Ort, an dem wissbegierige Menschen frei lernen können und sich dabei auch nicht auf nur ein Fachbereich beschränken müssen. Damit ein gewisser Grad an Freiheit möglich ist, braucht es eine Regelmäßigkeit, mit der Vorlesungen, Übungen, Seminare usw. getaktet sind. Da dieser Takt den eventuellen Wechsel von einem Campus auf einen anderen berücksichtigen muss, oder wenigstens den Wechsel zwischen Gebäuden, gibt es das akademische Viertel:1 Veranstaltungen beginnen in der Regel eine Viertelstunde früher als im Vorlesungsverzeichnis angegeben. Da Lehrveranstaltungen in der Regel 90 Minuten dauern und 15 Minuten später beginnen, hat sich wohl zu Einfachheit ein 120-Minuten-Takt herausgebildet und die letzten 15 Minuten dienen auch noch dem Wechsel zwischen Räumen. Dieser Takt ist recht effizient, da zwischen zwei direkt aufeinanderfolgenden Veranstaltungen maximal 30 Minuten liegen; weniger Zeit würde vielleicht für den Raumwechsel nicht genügen, mehr wäre Verschwendung; und diese Zeit kann auf einem guten Campus auch optimal zum Essen genutzt werden.

Dieser Artikel widmet sich aber nicht der historischen Entwicklung, sondern einer anderen Dimension: dem Vergleich der regelmäßigen Zeiten von Veranstaltungen an Universitäten in Deutschland im Wintersemester 2019/20.

Universität Hamburg

Die derzeit prominenteste Lehrveranstaltung Hamburgs, und wahrscheinlich auch Deutschlands, ist die Vorlesung Makroökonomik II von Herrn Lucke. Diese findet immer um 12 Uhr statt und endet um 14 Uhr. Es ist der 2-Stunden-Takt, der auch durch die Übungen dieses Moduls bestätigt wird: Übungen finden entweder von 12 bis 14 Uhr, von 14 bis 16 Uhr oder 16 bis 18 Uhr statt.

Abb. 1: Uni Hamburg: Termine der Makroökonomik II-Vorlesung von Herrn Lucke

Bestätigt wird diese Regel auch dadurch, dass Veranstaltungen wie die Experimentalvorlesung: Grundlagen der Chemie gibt, die explizit auf die wirklichen Zeiten hinweist. Die explizite Nennung der Zeiten ist im Vorlesungsverzeichnis der Uni Hamburg nicht die Ausnahme, obwohl diese Spezifizierung eigentlich unnötig ist.

Abb. 2: Uni Hamburg: Experimentalvorlesung: Grundlagen der Chemie

Es finden sich aber Abweichungen im Vorlesungsverzeichnis, wie in Abbildung 3: Die Vorlesung Algorithmen und Datenstrukturen findet zwischen 10 Uhr s.t. und 11:30 statt. Hier ist die explizite Nennung der Zeiten notwendig.

Abb. 3: Uni Hamburg: Vorlesung Algorithmen und Datenstrukturen

Eine Besonderheit scheint auch der Beginn von Vorlesungen am Morgen zu sein. Diese Veranstaltungen beginnen eher um halb 9 (s.t.) und nicht schon um 8 Uhr c.t. (8:15).

Abb. 4: Uni Hamburg

An der Universität Hamburg gilt also der 2-Stunden-Takt. Wenn für den Beginn und das Ende einer Veranstaltung jeweils eine volle, gerade Stunde angegeben wird, beginnen die Veranstaltungen eine Viertelstunde später (c.t.) und enden eine Viertelstunde früher. Davon abweichende Zeiten sind ohne das akademische Viertel (s.t.). In einigen Fällen wird von diesem einfachen Konzept unnötigerweise abgewichen, so kann man Rechtsphilosophie zwischen 10:15 und 11:45 hören (Abb. 4) und die Experimentalvorlesung zu den Grundlagen der Chemie ebenso (Abb. 2).

Philipps-Universität Marburg

Der Raumbelegungsplan für das Audimax (den größten Hörsaal) an der Universität Marburg zeigt auf einen Blick, dass hier dasselbe gilt wie in Hamburg (Abb. 5). Einige Angaben sind unnötig, wie mittwochs 8:00 bis 10:00 c.t. Diese Angabe findet sich ansonsten auf diesem Plan nirgends. Interessant wären zusätzliche Angaben bloß, wenn eine Vorlesung mal 15 Minuten früher beginnen würde, doch es findet sich auf diesem Plan kein s.t.

Abb. 5: Uni Marburg

Justus-Liebig-Universität Gießen

Die Universität in Gießen stellt keine Ausnahme dar. Veranstaltungen beginnen zu jeder vollen, gerade Stunde, also im 2-Stunden-Takt. Das gilt bspw. in den Wirtschaftswissenschaften (Abb. 6).

Abb. 6: Uni Gießen

Und das gilt auch in den Naturwissenschaften (Abb. 7).

Abb. 7: Uni Gießen

Den Medizinern wurde in diesem Artikel bislang keine besondere Aufmerksamkeit zuteil, doch soll herausgestellt werden, dass es in diesem Fachbereich öfters Abweichungen gibt, wenngleich die Systematik ähnlich ist und dieser 60-Minutentakt inkl. akad. Viertel (Abb. 8) mit dem 2-Stunden-Takt recht kompatibel ist. Allerdings ist das Fach Medizin sicher das Fach, das am wenigsten mit anderen Fächern kombiniert wird, sodass sich medizinische Fakultäten abweichende Zeiten erlauben können.

Abb. 8: Uni Gießen

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Im Vorlesungsverzeichnis der Universität in Erlangen/Nürnberg findet sich das 2-Stunden-Muster bestätigt, doch auch hier werden keine Kenntnisse über das akademische Viertel vorausgesetzt.

Abb. 8: Uni Erlangen-Nürnberg. Veranstaltungen der Geographen in Erlangen.

Ausnahmen gibt es für einige Lehrveranstaltungen auch in Nürnberg:

Abb. 9: Uni Erlangen-Nürnberg. Wirtschaftswissenschaftliche Veranstaltungen in Nürnberg.

Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

In Frankfurt gilt der 2-Stunden-Takt im Vergleich zu den bisher vorgestellten Universitäten am striktesten. Hier geht man von Kenntnissen über das akademische Viertel aus. So gibt es das Proseminar Arthur Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik (Lehrauftrag) freitags von 10 bis 12 Uhr, also 10:15 bis 11:45 (aber diese Angabe ist natürlich nicht notwendig); das Seminar Schopenhauer, Nietzsche und einige Folgen findet mittwochs von 10:00 bis 12:00 statt; und das Proseminar Schopenhauers ‚kritischer Pessimismus‘ ist donnerstags zwischen 12:00 und 14:00.

Ein Blick auf die Raumbelegung eines Seminarraums macht auch deutlich, dass dieser effiziente Takt in der Regel gilt (Abb. 10). Ausnahmen sind hier die Einzeltermine mit gelb hinterlegtem Titel und die Lehrveranstaltung der Historiker, die mit einer dreistündigen Veranstaltung zwei Blöcke im Plan des Raumes und dazu im Stundenplan der Studenten belegt (siehe Do, 9 Uhr: Einführung in das Studium der neueren Geschichte).

Abb. 10: Uni Frankfurt

Technische Universität Chemnitz (und andere Ausnahmen)

An Technischen Universitäten (TU) und an Technischen Hochschulen (TH) läuft es etwas anders, ebenso an Fachhochschulen. Zunächst die TU Chemnitz: An der Technischen Universität Chemnitz werden Stundenpläne so frei wie an anderen Universitäten gewählt, doch das zeitliche Raster für die Lehrveranstaltung sieht anders aus: Die Veranstaltungen dauern zwar in der Regel stets 90 Minuten, aber es gibt darüber hinaus kein festes Muster, das sich im Tagesverlauf wiederholt. Veranstaltungen beginnen in Chemnitz um 7:30, 9:15, 11:30, 13:45, 15:30, 17:15 und um 19:00. Außerdem gibt es zwei Pausen von je 45 Minuten, in denen keine Lehrveranstaltung stattfinden muss. Dafür gibt es zwischen allen anderen direkt aufeinanderfolgenden Veranstaltungen nur je 15 Minuten Pause, die ausreichen sollten, wenn alle Veranstaltungen auf demselben Campus liegen.

Abb. 11: Zeitliches Raster an Universitäten/Hochschulen (CC-BY-SA Affenspass.de)

Reguläre Universitäten sind nicht besonders „schulisch“ organisiert, sondern erlauben Studenten mehr Freiheiten. Außerdem sind sie öfter über mehrere Campus verteilt, sodass zum einen ein regelmäßiges Raster sinnvoller ist und zum anderen Pausen von 30 Minuten zwischen zwei Veranstaltungen eher notwendig sind. Wie in Abbildung 11 ersichtlich wird, ist besonders die TU Chemnitz unregelmäßig. Besonders auffällig ist das im Vergleich zur etwa 100 km entfernten TU Dresden, die immer exakt 20 Minuten zwischen zwei Blöcken hat:

Zeitraster der TU Dresden2
1. Doppelstunde: 07:30 – 09:00 Uhr
2. Doppelstunde: 09:20 – 10:50 Uhr
3. Doppelstunde: 11:10 – 12:40 Uhr
4. Doppelstunde: 13:00 – 14:30 Uhr
5. Doppelstunde: 14:50 – 16:20 Uhr
6. Doppelstunde: 16:40 – 18:10 Uhr
7. Doppelstunde: 18:30 – 20:00 Uhr
8. Doppelstunde: 20:20 – 21:50 Uhr

Vom Zeitraster der TU Dresden unterscheidet sich auch das Zeitraster der TU Darmstadt von der Systematik her kaum. Zwischen zwei Stunden sind immer 10 Minuten Pause, damit auch zwischen einem Block von zwei Stunden, der hier allerdings inkl. Pause 100 anstatt 90 Minuten dauert.

Zeitraster der TU Darmstadt3
01. Stunde -> 08:00 – 08:45 Uhr
02. Stunde -> 08:55 – 09:40 Uhr
03. Stunde -> 09:50 – 10:35 Uhr
04. Stunde -> 10:45 – 11:30 Uhr
05. Stunde -> 11:40 – 12:25 Uhr
06. Stunde -> 12:35 – 13:20 Uhr
07. Stunde -> 13:30 – 14:15 Uhr
08. Stunde -> 14:25 – 15:10 Uhr
09. Stunde -> 15:20 – 16:05 Uhr
10. Stunde -> 16:15 – 17:00 Uhr
11. Stunde -> 17:10 – 17:55 Uhr
12. Stunde -> 18:05 – 18:50 Uhr
13. Stunde -> 19:00 – 19:45 Uhr
14. Stunde -> 19:55 – 20:40 Uhr
15. Stunde -> 20:50 – 21:35 Uhr

Ein Blick an die ebenfalls etwa 100 km entfernte Universität in Leipzig zeigt allerdings noch eine Ausnahme, an einer „regulären“ Universität. Hier gibt es zwar das zweistündige Raster, beginnend allerdings zu ungeraden Stunden. Und hier wird wie an einigen anderen Universitäten auch der exakte Beginn einer Veranstaltung explizit angekündigt.

Abb. 12: Uni Leipzig

Vielleicht sind also die Universitäten im Osten Deutschlands etwas anders organisiert als im Westen. Die Universität in Frankfurt an der Oder weicht auch von den bisher betrachteten Universitäten im Westen ab: Es gibt zwar den üblichen 2-Stunden-Takt, aber unterbrochen von einer Stunde am Mittag zwischen 13 und 14 Uhr. Hier muss der Professor wohl speisen. Der im Westen übliche Takt mit Beginn einer geraden, vollen Stunde beginnt im Frankfurt des Ostens ab 14 Uhr, während vormittags zu ungeraden Stunden Veranstaltungen beginnen.

Abb. 13: Uni Frankfurt (Oder)

In Rostock findet sich zwar das 2-Stunden-Raster, aber um eine Stunde verschoben.

Abb. 14: Uni Rostock

In Halle herrscht dagegen wieder das Muster, das an den Universitäten im Westen zu sehen ist.

Abb. 15: Uni Halle

Und im Regelfall auch an der HU Berlin.

Abb. 16: HU Berlin

Die Ausnahmen sind also im Hochschulbetrieb die TU, FH und FH, und die Universitäten im Osten. Prädestiniert für eine Ausnahme vom üblichen Zeitraster wäre dann auch die TU Berlin, doch die hat auch das übliche Zeitraster (sie ist allerdings auch in West-Berlin).

Abb. 17: TU Berlin

Fazit

In diesem Artikel wurde gezeigt, dass es an deutschen Universitäten eine sinnvolle Regelmäßigkeit für die Lehrveranstaltungszeiten gibt. Dies ist keine feste Regel für alle Lehrveranstaltungen, da es oftmals gut begründbare Ausnahmen gibt. Beispielsweise schlafen Studenten wohl gerne eine Viertelstunde länger im Bett als später in der Vorlesung, sodass manchenorts schon im Vorlesungsverzeichnis als Beginn 8:30 eingetragen ist. Oder es gibt mal, wie in Chemnitz, nur eine Pause von 15 Minuten zwischen zwei Veranstaltungen, die aber nicht ausreicht, wenn man den Campus wechseln muss. Ausnahmen für solche Fälle lassen sich natürlich auch unabhängig vom Vorlesungsverzeichnis zwischen Dozenten und Studenten verhandeln und tauchen dann nirgends offiziell auf – und finden sich dann auch nicht in diesem Artikel. Außerdem wurden medizinische Lehrveranstaltungen hier nicht gesondert an allen Universitäten betrachtet, weil diese in den seltensten Fällen kompatibel mit Veranstaltungen anderer Fakultäten sein müssen.

Eine Besonderheit stellen zum einen die Technischen Universitäten, Technischen Hochschulen und Fachhochschulen dar, die etwas verschulter sind und andere Zeitraster haben, und zum anderen Universitäten in Ostdeutschland. Unter diesen Ausnahmen ist jedoch das Zeitraster der TU Chemnitz noch etwas auffälligere Erscheinung.

Offensichtlich bleibt nach diesem Artikel eine Frage: Warum gibt es in Ostdeutschland mehr Ausnahmen von dem regelmäßigen Zeitraster, das an westdeutschen Universitäten zu finden ist? Angenommen jedenfalls, dass dieser Befund nicht zufällig ein falsches Bild von westdeutschen Universitäten gezeichnet hat.


  1. Zur Theorie, dass die Verteilung der Gebäude der Grund sind hier: web.archive/th-brandenburg/studi_a_bis_z.3; Allgemeines hier: zeit/uni-welt-studium-begriffe-erklaerung-lexikon und vor allem hier: wikipedia/Akademische_Zeitangabe.
  2. tu-dresden/zeitraster
  3. tu-darmstadt/zeitraster

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