Schopenhauer und der Vegetarismus

geschrieben von Michael Crass

Arhur Schopenhauer ist für zweierlei besonders bekannt: seinen „Pessimismus“ und seine Mitleidsethik. In diesem Artikel geht es um das Mitleid (d.h. Mitfühlen von Leid) bei Schopenhauer und die Frage, wie er als Mitbegründer des 1841 gegründeten Frankfurter Tierschutzvereins zum Fleischkonsum bzw. „Vegetarismus“ stand.

Was ist Vegetarismus?

Es gibt verschiedene Formen des Vegetarismus. Klassischerweise bezeichnet der Vegetarismus eine Ernährungsweise, bei der keine tierischen Produkte von toten Tieren konsumiert werden. Im Gegensatz zum Veganismus, wo in der Regel einfach auf alle tierischen Produkte verzichtet wird, schließt der Vegetarismus den Verzehr von Eiern, Milch oder ähnlichen tierischen Produkten nicht aus.

Welche Gründe könnte es für den Vegetarismus geben?

Vegetarismus braucht selbstverständlich keinerlei Rechtfertigung. Für diesen Artikel ist es dennoch sinnvoll, mögliche Gründe zu nennen, um mit Schopenhauer darauf zu antworten. Die fünf Hauptgründe, die Vegetarier üblicherweise für ihren Fleischverzicht angeben, sind Moral, Gesundheit, Religion, Umwelt und Geschmack.

Manchen Menschen schmeckt Fleisch nicht, derlei ist von Schopenhauer nicht bekannt. Auch Umweltfragen in Bezug auf Fleischkonsum, etwa wegen Viehtransport oder Gasen aus Kühen, sollten im 19. Jahrhundert keine große Rolle gespielt haben. Das Thema Religion wird nachfolgend noch kurz von Schopenhauer erwähnt, aber es spielt offensichtlich keine große Rolle. Es gibt zwar bekannte Einschränkungen beim Schweinefleisch und dazu gibt es den Hinduismus, aber in Europa ist all dies nicht sehr relevant, bzw. war es im 19. Jahrhundert noch nicht.

Was für Schopenhauer also an möglichen Gründen für eine vegetarische Ernährung bzw. Lebenseinstellung wirklich infrage kommen konnte, sind Moral und Gesundheit. Wie in der Einleitung schon impliziert, geht es in diesem Artikel um die Moral. Das Thema Gesundheit und Fleischkonsum sollte aus Schopenhauerscher Sicht schnell erledigt sein. Wie Epikur meinte auch er:

„Folglich sollten wir vor Allem bestrebt seyn, uns den hohen Grad vollkommener Gesundheit zu erhalten, als dessen Blüthe die Heiterkeit sich einstellt. Die Mittel hiezu sind bekanntlich Vermeidung aller Excesse und Ausschweifungen […]“ (Deu-IV:359)

Schopenhauers Mitleidsethik

Schopenhauers Philosophie ist ein System, in dem Ethik nicht ohne Metaphysik gedacht werden kann, daher muss hier kurz auf Schopenhauers Metaphysik eingegangen werden: Im Anschluss an „indische Weisheiten“, Platon und Kant trennt er (HNI:392):

das Allgemeine das Einzelne
Immanuel Kant Ding an sich Erscheinung
Platon Platonische Idee Werdendem, nie Seienden
Hinduismus Weisheit der Veden Schleier der Maja
Arthur Schopenhauer Wille Vorstellung

 

Zeichnung von Wilhelm Busch

In der Welt, die sich durch Kausalität, Raum und Zeit konstituiert (bzw. von unserem Verstand so konstruiert wird), stehen Lebewesen als Einzelne einander gegenüber. Da aber das Ding an sich, also das, was jedes Ding in der Welt abstrahiert von unseren Erkenntnismöglichkeiten ist, nach Schopenhauer in jedem Einzelnen eine einzelne, ewige und unveränderliche Größe, nämlich der Wille ist, führt Erkenntnis zur Ethik: In der materiellen Welt sind Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen jeweils einzelne Dinge oder Lebewesen, doch sind sie alle bloß Erscheinungen des einen Willens.

Schopenhauer spricht davon, dass diese Erkenntnis, aber auch das natürliche Fühlen von Mitleid die „Scheidewand wegnimmt zwischen der eig[nen] Person und der fremden“ (Deu-X:524.) und damit den Egoismus. Die Folge ist, dass Menschen mit dieser (unmittelbaren) Erkenntnis durch Mitleid den Unterschied zwischen sich und anderen nicht mehr so bedeutsam finden, „denn das Leiden was er an Andern sieht, geht ihn fast so nahe an, als sein eignes: er sucht das Gleichgewicht zwischen beiden herzustellen: er versagt sich Genüsse, übernimmt Entbehrungen um fremde Leiden zu mildern.“ (Deu-X:525.)

Schopenhauer beschreibt dabei nicht nur ein Verhalten gegen Menschen, sondern auch gegen Tiere: „Diese Erkenntniß erstreckt sich zuvörderst auf die Erscheinung welche seiner eignen ganz gleich ist, also auf fremde menschliche Individuen: aber in geringerm Grade erstreckt sie sich auch auf die Thiere. Wer gut und gerecht ist, wird kein Thier quälen.“ (Deu-X:526)

Der Kampf des Willens mit sich selbst um Ressourcen in der Welt

In Schopenhauers Philosophie gibt es nur die Trennung zwischen Tieren (ob menschlich oder nichtmenschlich) in der Welt der Erscheinungen. Der menschliche und tierische Kampf um Ressourcen in der Welt ist eigentlich ein Ringen des metaphysischen Willens mit sich selbst in den Formen seiner Erscheinungen. Dabei gibt es nur Verluste:

„Er sieht ein, daß die Verschiedenheit zwischen Dem, der das Leiden verhängt, und dem, welcher es dulden muß, nur Phänomen ist und nicht das Ding an sich trifft, welches der in beiden lebende Wille ist, der hier, durch die an seinen Dienst gebundene Erkenntniß getäuscht, sich selbst verkennt, in einer seiner Erscheinungen gesteigertes Wohlseyn suchend, in der andern großes Leiden hervorbringt und so, im heftigen Drange, die Zähne in sein eigenes Fleisch schlägt, nicht wissend, daß er immer nur sich selbst verletzt, dergestalt, durch das Medium der Individuation, den Widerstreit mit sich selbst offenbarend, welchen er in seinem Innern trägt. Der Quäler und der Gequälte sind Eines.“ (Deu-I:418 bis Deu-I:419)

(Deu-V:318)

Erscheinungen des Willens kämpfen in der Welt als Vorstellung gegeneinander. Nur die wenigsten Menschen können ihren Willen verneinen, und so ist praktisch alles, was man tut, eine Bejahung des Willens auf Kosten anderer Lebewesen:

„Dadurch, daß wir essen fallen wir dem Tode und dadurch, daß wir zeugen, dem Leben nothwendig anheim. Denn, durch das Essen zerstören wir die fremde Form, um uns ihrer Materie zu bemeistern: daher muß, weil alles Lebende demselben Gesetze unterliegt, auch unsre Form wieder zerstört werden, damit ihre Materie wieder andern Formen zufalle.“ (HNIII:121)

Schopenhauers Position zum Fleischkonsum bzw. „Vegetarismus“

Das Wort „Vegetarismus“ steht natürlich nicht im Werk Schopenhauers. Wie das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache zeigt, war dieses Wort zu Lebzeiten Schopenhauers (1788 bis 1860) noch nicht sonderlich weit verbreitet.

(https://www.dwds.de/wb/Vegetarismus)

Was Arthur Schopenhauer vom Fleischkonsum hält und zum „Vegetarismus“ sagen würde, kann man dennoch in mehreren Textstellen lesen:

Zum einen scheint es keiner Legitimation zu bedürfen, wenn man einem anderen Lebewesen schadet, bzw. Fleisch isst, wenn dies ohne besondere Erkenntnis oder Einsicht geschieht (s. o.).

„Mit eben der Nothwendigkeit daher, mit welcher der Stein zur Erde fällt, schlägt der hungerige Wolf seine Zähne in das Fleisch des Wildes, ohne Möglichkeit der Erkenntniß, daß er der Zerfleischte sowohl als der Zerfleischende ist. Nothwendigkeit ist das Reich der Natur; Freiheit ist das Reich der Gnade. Weil nun, wie wir gesehen haben, jene Selbstaufhebung des Willens von der Erkenntniß ausgeht, alle Erkenntniß und Einsicht aber als solche von der Willkür unabhängig ist; so ist auch jene Verneinung des Wollens, jener Eintritt in die Freiheit, nicht durch Vorsatz zu erzwingen, sondern geht aus dem innersten Verhältniß des Erkennens zum Wollen im Menschen hervor, kommt daher plötzlich und wie von Außen angeflogen.“ (Deu-I:478)

Wie sieht es aber aus, wenn die entsprechende Erkenntnis vorhanden ist? Gibt es nach Schopenhauer eine Möglichkeit, den Fleischkonsum zu legitimieren? Die einschlägige Textstelle im Werk Schopenhauers ist hierzu folgende, in der schlicht und einfach die höhere Leidensfähigkeit als Legitimation für den Fleischkonsum dient.

„(Alle Völker, mit Ausnahme der Hindu, haben immer erkannt, daß der Mensch ohne Unrecht, die Thiere zu seinen Zwecken gebrauchen könne, ihre Kräfte sich dienstbar machen könne, sie tödten könne, um sich von ihnen zu nähren. (Die Hindu leugnen es, wegen ihres Dogma’s von der Seelenwanderung (illustr.), das aber bloß mythische Wahrheit hat und in diesem Fall seine Falschheit wenn es unmittelbar angenommen wird, aufweist.) Worauf dies Recht des Menschen beruhe, hat man aber nie richtig erkannt; meistens, wie Cartesius, erklärte man die Thiere für bloße Maschinen, oder sprach ihnen doch die Seele ab, die man dem Menschen beilegte. – Das Recht des Menschen auf das Leben und die Kräfte der Thiere beruht auf folgendem. Es ist der selbe Wille zum Leben, der in uns und in den Thieren erscheint. Aber, wie oben gezeigt, mit der Steigerung der Klarheit des Bewußtseyns steigert sich gleichmäßig auch das Leiden. Daher leidet unter gleichen Umständen der Mensch sehr viel mehr als das Thier. Der Schmerz welchen das Thier erleidet durch die von ihm erzwungne Arbeit oder auch durch den Tod (von dem es das Schrecklichste, das Vorhersehn, nie kennt) ist noch nicht so groß als der Schmerz, welchen der Mensch erleiden würde durch die bloße Entbehrung der Arbeit oder des Fleisch es des Thiers: daher haben Thier und Mensch nicht gleiche Rechte: und der Mensch kann in der Bejahung seines Willens bis zur Verneinung des Daseyns des Thieres gehn, weil dadurch der Wille zum Leben im Ganzen weniger Leiden trägt, als wenn umgekehrt der Mensch selbst alles arbeiten und thierische Nahrung entbehren wollte, um das Thier zu schonen. Offenbar fällt aber dieser Grund weg, sobald ein Thier muthwillig und zwecklos gequält wird, oder sobald es übermäßig angestrengt wird (es sei denn in einzelnen Fällen übermäßiger Noth des Menschen, wenn man etwa ein Pferd zu Tode jagt, um das Leben eines Menschen zu retten). Hier liegt die Norm des Gebrauchs den der Men sch von den Kräften der Thiere machen kann ohne Unrecht. Diese Norm wird oft überschritten an Lastthieren, und an Jagdhunden die man mit unmenschlichen Quaalen zu seinem Vergnügen abrichtet; Parforce-Jagden. Deshalb sind in England und Nord-Amerika Gesetze gegen das Quälen der Thiere und werden deshalb noch jetzt sehr bedeutende Strafen verhängt, sobald ein Kläger auftritt, der sich der gepeinigten Thiere annimmt. – Das Insekt leidet durch seinen Tod noch nicht soviel als der Mensch durch seinen Stich oder durch die Schlaflosigkeit die es ihm verursacht. -)“ (Deu-X:526 bis Deu-X:527)

Für den Pudelbesitzer Schopenhauer ist es rechtens, tierisches Fleisch zu essen, weil menschliches Leid höher zu bewerten ist als tierisches. Menschen sind höhere Objektivationen des Willens, sie haben ein höheres Bewusstsein und damit eine höhere Leidensfähigkeit (Sie leiden bspw. nicht nur wegen der Gegenwart, sondern auch wegen Erwartungen/Befürchtungen an die Zukunft oder Erinnerungen an die Vergangenheit). In einigen Menschen erkennt sich der Wille sogar selbst, sodass er sich in ihnen verneinen kann.

Zwei kleinere „Probleme“ oder offene Fragen gibt diese Schopenhauersche Fleischkonsum-Legitimation allerdings: Erstens könnte man sagen, dass es Menschen mit einem geringeren Bewusstsein oder einer geringeren Leidensfähigkeit gibt, oder eben Tiere (wie die Menschenaffen), die zu den höheren Tieren zählen. Darf man Bonobos, Schimpansen, Gorillas oder Orang-Utans essen? Zweitens gibt es die umstrittene Frage, inwiefern der Fleischverzicht zu menschlichem Leid führt, wenn man das Vitamin B 12, das natürlicherweise nur in Verbindung mit tierischen Proteinen vom menschlichen Körper aufgenommen werden kann, in Form von Tabletten zu sich nimmt, und auch sonst keinen Mangel an Kalorien oder Nährstoffen zu erleiden hat.

Tierquälerei

Dies führt bei Schopenhauer zur Thematik der Tierquälerei: Wenn man Tieren Leid zufügt, obwohl es nicht notwendig ist, nennt Schopenhauer dies Tierquälerei. Schopenhauer meint: „Wer gut und gerecht ist, wird kein Thier quälen.“ (Deu-X:526) Demzufolge scheinen Christen laut Schopenhauer weniger „gut und gerecht“ zu sein:

„Dagegen sehe man die himmelschreiende Ruchlosigkeit, mit welcher unser christlicher Pöbel gegen die Thiere verfährt, sie völlig zwecklos und lachend tödtet, oder verstümmelt, oder martert, und selbst die von ihnen, welche unmittelbar seine Ernährer sind, seine Pferde, im Alter, auf das Aeußerste anstrengt, um das letzte Mark aus ihren armen Knochen zu arbeiten, bis sie unter seinen Streichen erliegen. [Senilia 1: Man möchte wahrlich sagen: die Menschen sind die Teufel der Erde, und die Thiere die geplagten Seelen.] Das sind die Folgen jener Installations-Scene im Garten des Paradieses. Denn dem Pöbel ist nur durch Gewalt, oder durch Religion beizukommen: hier aber läßt das Christenthum uns schmählich im Stich. Ich habe, von sicherer Hand, vernommen, daß ein protestantischer Prediger, von einer Thierschutzgesellschaft aufgefordert, eine Predigt gegen die Thierquälerei zu halten, erwidert habe, daß er, bei dem besten Willen, es nicht könne, weil die Religion ihm keinen Anhalt gebe. Der Mann war ehrlich und hatte Recht.“ (Deu-V:403)

Fazit

Dieser Artikel hatte nicht den Anspruch, einen Philosophen aus dem 18./19. Jahrhundert in die gegenwärtige Vegetarismus- oder Veganismus-Debatte zu ziehen. Das wäre nicht fair. Diese Debatte ist nun 200 Jahre weiter. Im Kontext seiner Zeit dagegen war Schopenhauer als Tierschützer modern. Seine Legitimation für den Fleischkonsum ist im Kern ohne die Metaphysik allerdings noch immer geläufig und wirft noch die gleichen Fragen auf: Ist der Fleischkonsum für die menschliche Gesundheit notwendig? Wo zieht man warum die Grenze zwischen Mensch und Tier? Und wie viel Leid darf es in der Lebensmittelindustrie geben?

Artikelbild: CC-BY-SA 2019 Affenspass.de: aus den Bildern Schopenhauer (Von Jules Lunteschütz (1822–1893) - Unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61562) und Franzose am Grill (Photo by Matthieu Joannon on Unsplash)

1 thought on “Schopenhauer und der Vegetarismus

  1. Mich fasziniert das ja, dass Leute diese alten Philosophen (leider ja nicht mal ein generisches Maskulinum, sondern ein ziemlich robust die Realität beschreibendes) noch interessant finden.
    Magst du drüber reden, wo das herkommt, oder hast du vielleicht einen Post drüber geschrieben?

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