Advocatus Diaboli (buchstäblich): ein Versuch, eine Lanze für Satan brechen

geschrieben von Michael Crass

Spielt jemand den Advocatus Diaboli, so ist das selten buchstäblich gemeint, sondern meist eben im übertragenen Sinne: Um Argumente zu schärfen, ist es sehr nützlich, die Gegenposition einzunehmen, und damit zu verteidigen, was niemand verteidigen mag. Dieser Artikel wird zwar auch versuchen, dies in diesem Sinne zu unternehmen (wer würde auch auf die Idee kommen, eine Gegenposition zum Vatikan einzunehmen?!), aber auch buchstäblich. Es wird hinterfragt, wie schlimm der biblische Teufel wirklich ist. Dabei wird es allerdings nicht einfach sein, der Versuchung zu widerstehen, sogenannte christliche Werte infrage zu stellen.

Warum wird die Figur Luzifer, die auch als Satan, Teufel, Morgenstern bzw. Lichtträger bekannt ist, so negativ gesehen? Was wird dieser fiktiven Figur vorgeworfen? Alle nachfolgend zitierten Stellen beziehen sich auf die Lutherbibel 2017.

Wer ist Luzifer eigentlich?

Luzifer wurde als ein Engel von Gott geschaffen. Er war zunächst der bedeutendste und von Gott geliebteste Engel. Er wurde vollkommen, weise und schön (Hesekiel 28,1 12-15) geschaffen.

teuflische Verbrechen

Luzifer wurde also perfekt erschaffen, nichts war an ihm auszusetzen. Doch plötzlich wurde an ihm „eine Missetat“ gefunden und es musste zu Satans Fall aus dem Himmel und der ewigen Verbannung kommen. Was hatte er also verbrochen?

Das erste Verbrechen, das Luzifer begangen hat, war es, sich mit Gott gleichzusetzen und sich nicht unterzuordnen. Er war sich seiner besonderen Eigenschaften bewusst und war stolz auf sie, anstatt demütig Gott zu danken (Hesekiel 28, 16-17). Luzifer hat sich seinem Vater nicht unterordnen wollen, sondern wollte „gleich sein dem Allerhöchsten“ (Jesaja 14, 14) und hat damit die Regel gebrochen, die auch für Menschen gilt:

„[…] So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch.“ (Jakobus 4, 7)

Wie wichtig diese Regel dem obersten aller christlichen Fabelwesen ist, zeigt auch ihre Stellung in den Zehn Geboten: Zwei mal macht er im ersten Gebot klar, dass er „der HERR, dein Gott“ sei und dass neben ihm keine anderen Götter anzubeten seien (2. Mose 20, 2-5; 5. Mose 5, 6-9).

Nachdem er ein Unrecht begangen hatte, wurde er für alle Ewigkeit verbannt (Hesekiel 28, 19).

Das Verbrechen aber, das Luzifer vorgeworfen wurde, ist die Versuchung von Eva in der Form einer Schlange (Offenbarung 12, 9). Adam und Eva hatten im Paradies, im Garten Eden gelebt. Dabei hatten die beiden ersten Menschen eine einzige Regel zu beachten: Sie durften nicht Früchte vom Baum der Erkenntnis essen. Der Teufel überredete Eva, diese Regel zu brechen. Nach dieser Speise sollten sie nämlich in der Lage sein, wie Gott zu erkennen, was gut und was böse ist (1. Mose 3, 5). Die Frucht des Baumes der Erkenntnis versprach, klug zu machen (1. Mose 3, 6). Seit dem Essen der Frucht haben Menschen Scham und verdecken ihre Genitalien bzw. bekleiden sich. Diesen Sündenfall, diesen einen Regelbruch der Menschen bestrafte Gott

  1. mit Konflikten zwischen den Geschlechtern (1. Mose 3, 15),
  2. mit Schmerzen während des Gebährens (1. Mose 3, 16),
  3. mit einem Bedürfnis der Frauen nach Männern und der Unterordnung der Frauen (1. Mose 3, 16) und
  4. mit mühseliger Arbeit für die Befriedigung der Grundbedürfnisse (1. Mose 3, 17-18).

Neben diesen beiden konkreten Verbrechen gibt es allerdings noch eine Vielzahl weiterer Verbrechen, derer sich der Teufel schuldig macht: aller Verbrechen nämlich. Jedes Verbrechen ist des Teufels Werk (1. Johannes 3, 8).

Bewertung der Verbrechen

Betrachtet man die konkreten Verbrechen, für die Luzifer verurteilt wurde, und auch das Strafmaß, so zeigt sich der Kern des Christentums. Gott verurteilt es, wenn man sich anmaßt, ihn nicht zu verehren, und sich ihm gleichsetzt. Gott duldet niemanden neben sich. Er ist der Größte und kann nicht damit umgehen, wenn jemand – Engel oder Mensch – das nicht permanent würdigt. Gott braucht immerzu Bestätigung und lässt in dieser Hinsicht den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten göttlich oder gottgleich erscheinen.

Außerdem verurteilt Gott den Regelbruch, das Naschen am Baum der Erkenntnis. Man könnte sagen, Gott bestrafe nicht den Erkenntnisgewinn, sondern den Regelbruch, aber das wäre nicht ganz korrekt. Der Baum der Erkenntnis machte es doch erst möglich, gut und böse zu unterscheiden?! Woher sollten Adam und Eva denn erkennen, dass ihre Handlung böse ist? Und außerdem: Was macht das Essen von Feigen oder anderen Früchten böse? Gut, zugegeben: In diesem Fall gewissermaßen der Hausherr.

Bewertung des Strafmaßes

Wie bestraft man im Paradies klassischerweise? Mit Ausschluss. Luzifer muss gehen, Adam muss gehen und auch Eva muss gehen. Klassiker. Ist nicht zu hinterfragen, auch bei uns Menschen ist die Strafe Hausverbot recht üblich. Steht also die Strafe erst einmal fest, stellt sich bloß noch die Frage, wie viel es davon sein soll. Im Vergleich zur Ewigkeit erscheint jede nur erdenkliche Zeitspanne als unerheblich – außer eben einer: Ewigkeit. Und da gibt es dann auch wenig Raum für Resozialisation …

Fazit: Gott = Hitler?

böse

Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, selbst wenn die Strafe und das Strafmaß, also auch ihre Höhe, angemessen erscheinen. Das liegt daran, dass die christliche Saga wie ein schlechter Film ist, wie ein schlechter Kinderfilm, der nicht etwa daran leidet, dass alles fiktiv ist, sondern daran, dass es nicht nachvollziehbar ist. Dabei geht es nicht um die Handlungen und den ganzen Hokus-Pokus, sondern um das Schwarz-Weiß-Denken. Dieser Dualismus vereinfacht die Welt und das Denken in Gott und Teufel und gut und böse. Das macht alles einfacher, aber nichts besser. Kann eine Handlung oder gar ein Mensch ganz gut oder böse sein?

So wie Gott Luzifer behandelt, haben auch Nationalsozialisten ihre politischen Gegner behandelt. Wie Frerk und Schmidt-Salomon ausgeführt haben,2 kann man zwischen dem Christentum und dem Nationalsozialismus durchaus gewisse Parallelen ziehen: Es gibt einen männlichen Führer, dem zu gehorchen ist und der mit Recht alle Widersacher brutal bestraft. Man ist entweder für ihn oder gegen ihn. Es gibt nichts dazwischen. Alles und jeder ist gut oder böse – in Ewigkeit. Amen.


  1. Diese Stelle wird in der Regel auf Luzifer bezogen, auch wenn die Rede an einen menschlichen König gerichtet ist. https://www.gotquestions.org/Deutsch/konig-von-tyrus.html
  2. Carsten Frerk / Michael Schmidt-Salomon, Die Kirche im Kopf. Von „Ach Herrje!“ bis „Zum Teufel“, Aschaffenburg 2007, S. 225 f. (Frerk und Schmidt-Salomon listen 22 Merkmale, die allerdings nicht alle in diesem Kontext relevant sind.)
Artikelbild: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=617176

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