Schopenhauer und die besondere Zahl Vier, Teil 1/2

geschrieben von Michael Crass

Man mag der Zahl Vier leicht eine große Bedeutung zusprechen, wenn man die Gliedmaßen bei Pudeln, Menschen und anderen Säugetieren zählt, wenn man außerhalb von Mainz und Köln die Jahreszeiten durchgeht, oder auch als Fan des Skisprungsports, der Apokalyptischen Reiter, der Evangelisten, der Erzengel, des Buddhismus (edle Wahrheiten) oder der Mondphasen. Die Zahl Vier taucht oft in der Kultur und in der von Menschen beschriebenen und katalogisierten Natur auf. Nicht anders ist es allerdings auch mit vielen anderen Zahlen: Die Zahl Drei ist die Zahl aller guten Dinge, die Zahl der Trinität des Christengottes, die Anzahl der Herrscher in einigen polytheistischen Religionen (Isis, Osiris und Horus vs. Zeus, Poseidon und Hades) und auch die Zahl Hegels. Jede Zahl die häufig in Gebrauch ist, also niedrige natürliche Zahlen beispielsweise, hat viele Bedeutungen und Verwendungen gefunden. Die Vier ist also für die Menschheit keine besondere Zahl. Wohl aber für Schopenhauer …

In diesem ersten der zwei Artikel der zu der Zahl Vier bei Schopenhauer geht es um die vier raumzeitlichen Wesen und ihre Ursachen.

Vier Arten von in Raum und Zeit erscheinende Wesen

Im März 1820 hielt Arthur Schopenhauer eine Probevorlesung in Berlin. Dabei führte er auf, welche verschiedene raumzeitliche Dinge gibt: leblose Körper, Pflanzen, Tiere und Menschen.

„zur Sonderung aller in Raum und Zeit erscheinenden Wesen selbst in vier Klassen: […] daß die Art der Ursachen nach denen eine jede von ihnen sich bewegt, eben das am meisten karakteristische, tiefeingreifendeste und wesentlichste Merkmal ihrer Sonderung abgiebt und nirgends eine Ausnahme leidet: die vier Klassen die ich meyne, [sind]: leblose Körper, Pflanzen, Thiere und Menschen.“ (Deu-IX:7 f.)

Diese Unterscheidung ist nicht besonders künstlich, auch nicht außergewöhnlich. Noch heute wird zwischen der unbelebten und der belebten Natur unterschieden, und ebenso wird ein großer Unterschied zwischen Pflanzen und Tieren gemacht. Auch wird heute nicht sonderlich oft zwischen nichtmenschlichen Tieren und menschlichen Tieren unterschieden, sondern eben zwischen Tieren und Menschen. Probleme müsste Schopenhauer allerdings haben, wenn er in diese Vierheit noch Bakterien oder Pilze einsortieren müsste.

Vier Arten von Ursachen

Die vier Arten von in Raum und Zeit erscheinenden Wesen unterscheiden sich nach Schopenhauer besonders durch die Art und Weise wie sie in Bewegung gesetzt werden. Je höher die Klasse eines Dings ist, desto höhere Arten von Ursachen (be-) treffen das Ding.

Eine Ursache im engeren Sinn zeichnet sich durch die berechenbare Verhältnismäßigkeit und Gleichmäßigkeit von Ursache und Wirkung aus. Diese erste Art von Ursachen betrifft Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen. In der unorganischen Welt gilt, so Schopenhauer, der Naturwissenschaften in Göttingen studiert hatte, dass physikalischen Gesetzen gemäß, die Wirkung sich in dem Maß erhöht, in dem die Ursache erhöht wird. Das gilt beim Erwärmen von Wasser, wie auch bei einer Krafteinwirkung auf einen Gegenstand. Wenn dies kontraintuitiv einleuchtet, so gibt Schopenhauer zu bedenken, dass die Verhältnismäßigkeit nicht sichtbar sein muss:

„In eben dem Maaße, in welchem die Ursache verstärkt wird, wird auch allemal die Wirkung zunehmen, folglich auch wieder die Gegenwirkung; so daß wenn nur ein Mal die Wirkungsart bekannt ist, sofort aus dem Grade der Intensität der Ursache auch der Grad der Wirkung sich wissen, messen und berechnen läßt, und so auch umgekehrt. Dieses ist schon metaphysisch wahr und sonach a priori einzusehen: jedoch wenn man es physisch nimmt, muß es cum grano salis verstanden werden, damit man nicht etwa die Wirkung verwechsele mit ihrer augenfälligen Erscheinung: z.B. man darf nicht erwarten, daß bei der Zusammendrückung eines Körpers immerfort sein Umfang abnehme, in dem Verhältniß als die Zusammendrückende Kraft zunimmt. Denn der Raum, in den man den Körper zwängt, nimmt immer ab, folglich der Widerstand zu; und wenn nun gleich auch hier die eigentliche Wirkung welche die Verdichtung ist, wirklich nach Maasgabe der Urs[ache] wächst, wie das Mariottesche Gesetz besagt, so ist dies doch nicht von jener ihrer augenfälligen Erscheinung zu verstehn.“ (Deu-IX:8 f.)

Die zweite Art von Ursachen ist der Reiz. Dieser betrifft nicht die unbelebte Natur, wohl aber die ganze belebte Natur mit Pflanzen, Tieren und Menschen. Hier gilt die Gleichmäßigkeit im Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung, die bspw. in der Mechanik gilt, nicht: Eine Pflanze reagiert mit Wachstum auf ein wenig Wasser, vielleicht auch erst ab einer höheren Menge, aber irgendwann kann man den Punkt erreichen, bei dem ein mehr an Wasser nicht zu einem mehr an Wachstum führt und sogar kontraproduktiv werden kann. Reize bringen Wirkungen in Pflanzen, Tieren und Menschen hervor, aber nicht in einem Stein.

„Ich nenne Reiz diejenige Ursache, welche erstlich selbst keine mit ihrer Einwirkung im Verhältniß stehende Gegenwirkung erleidet; und zweitens zwischen deren Intensität und der Intensität der Wirkung durchaus kein[e] Gleichmäßigkeit statt findet: folglich kann hier nicht der Grad der Wirkung gemessen und vorher bestimmt werden, nach dem Grade der Ursach: vielmehr kann eine kleine Vermehrung des Reizes eine sehr große der Wirkung verursachen, oder auch umgekehrt die vorige Wirkung ganz aufheben, ja eine entgegengesetzte herbeiführen. Z.B. Pflanzen können bekanntlich durch Wärme oder der Erde beigemischte[n] Kalk zu einem außerordentlich schnellen Wachstum getrieben werden, indem jene Ursachen als Reize ihrer Lebenskraft wirken: wird jedoch hiebei der Grad des Reizes um ein weniges überschritten, so wird der Erfolg statt des erhöhten und beschleunigten Lebens, der Tod der Pflanze seyn. Ferner können wir durch Wein oder Opium unsre Geisteskräfte anspannen und beträchtlich erhöhen: wird aber das Maas des Reizes überschritten; so wird der Erfolg grade der entgegengesetzte seyn.“ (Deu-IX:10 f.)

Die dritte Art von Ursachen ist das Motiv, welches weder die unbelebte Natur noch die Pflanzenwelt bekümmern kann. Motive haben nur Tiere und Menschen. Um Motive für Bewegungen oder Handlungen haben zu können, bedarf es eines Vorstellungsvermögens, welches eben nur Menschen und nichtmenschliche Tiere haben:

„Deshalb tritt bei Wesen dieser Art, an die Stelle der bloßen Empfänglichkeit für Reize und der Bewegung auf solche, die Empfänglichkeit für Motive d.h. ein Vorstellungsvermögen, Intellekt (in unzähligen Graden der Vollkommenheit), materiell sich darstellend als Nervensystem und Gehirn; und eben damit das Bewußtseyn. Daß dem thierischen Leben ein Pflanzenleben zur Basis dient, welches eben nur auf Reize vor sich geht, ist bekannt. Aber alle die Bewegungen, welche das Thier als Thier vornimmt, und welche eben deshalb von dem abhängen was die Physiologie animalische Funktio[nen] nennt, geschehn in Folge eines erkannten Objekts, also auf Motive“ (Deu-IX:11 f.)

Da der gemeine Mensch im Vergleich zum Tier nicht nur den Verstand, sondern auch Vernunft hat, hat er auch andere Arten von Motiven. Er kann nämlich als einziges Tier abstrakte (begriffliche) Motive als vierte Ursache haben, welche also nicht bloß anschaulich (wie ein Frankfurter Würstchen dem Pudel) sind. Darüber hinaus muss der Mensch seine Motive nicht nur aus der Gegenwart nehmen, sondern kann sich auch der Erinnerungen bedienen, die nach Schopenhauer (mehr oder weniger) rein menschlich sind.

„Das Wesen, dessen Handlungen nicht durch anschauliche, sondern durch abstrakte Motive bestimmt werden – ist ein Mensch. Sind die Motive welche das Handeln eines menschlichen Individuums leiten, solche Vorstellungen der Vernunft, also Begriffe; so fällt sein Handeln besonnen und bedacht aus und bleibt ganz unabhängig vom Eindruck der Gegenwart: ein solches Handeln haben alle Zeiten und alle Völker, auch alle Philosophen, nur nicht die neu[e]sten, ein vernünftiges Handeln genannt, ganz unabhängig von dessen moralischem Werth oder Unwerth: da vernünftig handeln und edel oder gut handeln; eben so unvernünftig handeln und boshaft handeln stets als zwei ganz verschiedene Dinge angesehn wurden. Sind nun aber die Motive des Handelns nicht die gedachten Vorstellungen, die Begriffe; sondern die anschaulichen, der Eindruck des Augenblicks; dann wird der Mensch gleich dem Thiere der Sklave der Gegenwart und ein Handeln dieser Art nannte man allezeit unvernünftig, ohne es dadurch im mindesten für boshaft zu erklären. Wie also der Verstand nur eine einzige Funktion hatte: Erkenntniß der Kausalität; so hat auch die Vernunft nur eine Funktion: Bildung des Begriffs und Verknüpfung von Begriffen, d.h. Denken, Wissen, Reflexion: und aus dieser ist alles abzuleiten, was von jeher als Aeußerung der Vernunft erkannt wurde.“ (Deu-IX:23 ff.)

Den Menschen als Vertreter der höchsten Klasse der raumzeitlichen Dinge betreffen also die abstrakten wie die anschaulichen Motive, dazu auch die Reize und die physikalischen Ursachen. Je höher die Art der Ursache ist, desto größer ist auch die Distanz zwischen Ursache und Wirkung: Der Unterschied zwischen dem Stein, der angestoßen wird und die Ursache unmittelbar erfährt, und dem durchs Gießen angestoßene Wachstumsprozess bei der Pflanze, ist groß. Ebenso ist der Unterschied zwischen dem der menschlichen Nahrungsaufnahme geschuldeten Körperwachstum und dem von weiblichen Reizen triebgesteuerten männlichen Verhalten durchaus groß. Die Distanz zwischen Ursache und Wirkung kann mittels der Wirkung von Vorstellungen aus der Vergangenheit (Erinnerung) auf gegenwärtiges Benehmen zeitlich noch größer sein.

Ausblick

Im nächsten Artikel über Schopenhauers Vier geht es um die drei oder vier Arten, „warum“ zu fragen, um eine Vierer-Alternative zur Monogamie und seine vier Arten von Wahrheit.

Artikelbild: Schopenhauer von Ludwig Sigismund Ruhl - Schopenhauer-Archiv der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=394003; Pudel von H.Heuer - Selbst fotografiert, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16051575; Gesamtwerk: CC-BY-SA
Literatur: Schopenhauer-Gesamtausgabe von Paul Deussen (1911).

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