Rezension: Schopenhauer und das Geld

geschrieben von Professor Zaius

Können Geld- und Geschäftsbeziehungen, bedingt durch die kapitalistische Wirtschaftsweise, im Leben eines Menschen eine derart große Rolle spielen, dass sich seine Biographie anhand dieser rekonstruieren lässt? Für Unternehmertypen sicherlich. Manfred Wagner stellt sich in „Schopenhauer und das Geld“, bereits in einer erweiterten zweiten Auflage bei Königshausen und Neumann erschienen, jedoch die weitaus interessantere Aufgabe, auch den Philosophen Arthur Schopenhauer als einen Homo Oeconomicus zu behandeln.

Etwa ¾ der 144-seitigen Publikation entfallen auf die von Wagner geschilderten finanziellen Stationen des Lebenswegs des Frankfurter Philosophen, der Rest sind vermögensrelevante Zitate von Schopenhauer selbst. Hauptgegenstand der Monographie sind die finanziellen Verhältnisse der Familie Schopenhauer, sowie Schopenhauers Umgang mit dem eigenen Erbteil. Dabei bemüht sich Wagner stets, seiner Schopenhauer-Biographie zu dem anekdotischen noch einen wissenschaftlichen Mehrwert hinzuzufügen. Die vor allem in den ersten Kapiteln aufgeführten Kaufkraftvergleiche und buchhalterischen Belege erfordern zwar eine hohe Konzentration des Lesers und sind dem Lesefluss nicht immer förderlich, jedoch weisen sie die Stichhaltigkeit der vom Autor bereitgestellten Informationen nach. Die historischen Kaufkraftvergleiche sind zudem für all jene interessant, die zu theorie- und wirtschaftsgeschichtlichen Themen forschen. Belastbare Quellen in Hinblick auf die Währungsthematik des 19. Jahrhunderts sind sehr wertvoll und nützlich. Im späteren Teil der Abhandlung wird Schopenhauers Beziehung zum Geld, vor allem vor dem Hintergrund seiner ethischen Ansichten, insbesondere zur Wohltätigkeit, erarbeitet. Auch um diese ist es Wagner ernst, der im letzten Kapitel für eine stiftungsorientierte Organisation von Forschung im Sinne der schopenhauerschen Ethik plädiert.

„Schopenhauer und das Geld“ wurde hervorragend ausgestattet. Die Zitate sind gründlich recherchiert, womit Schopenhauer-Interessierten vergleichsweise seltene oder gänzlich unbekannte Stellen aus dem handschriftlichen Nachlass präsentiert werden. Löblich ist, dass die anekdotischen und wirtschaftlichen Ausführungen Wagners um Faksimiles des handschriftlichen Nachlasses Schopenhauers sinnvoll ergänzt wurden, womit „Schopenhauer und das Geld“ gegenüber vergleichbaren Publikationen mit Authentizität punkten kann. Außerdem wurde der Text mit drei Bildern des Frankfurter Malers Frank Grüttner illustriert. Das Porträt Schopenhauers liegt bereits einigen anderen Schopenhauer-Editionen bei, Grüttners lavierte Federzeichnung des Buddha ist aber in dieser Form noch nie erschienen, was die Monographie zum Sammlerobjekt aufwertet. Vor diesem Hintergrunde ist es schade, dass auch der Neuauflage von „Schopenhauer und das Geld“ trotz ihres vergleichsweise hohen Preises von 0,17 € pro Seite kein Hardcover spendiert wurde, das wäre an dieser Stelle allerdings nötig gewesen, weil das Hochformat des Buches eine höhere Krafteinwirkung auf die Bindung erforderlich macht, wodurch sich nach einigem Lesen Abnutzungserscheinungen bilden.

Wer müde davon ist, sich stets fragen zu müssen, welche Schopenhauer-Anekdote nun wahr und welche einem Einfall geschuldet ist, der kann bedenkenlos zu dieser Ausgabe greifen. Besonders für historisch Interessierte bietet „Schopenhauer und das Geld“ genügend Material, um in die deutschsprachige Alltagswelt der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einzutauchen. Die Idee Wagners, den asketischen Schopenhauer zum ökonomischen Vorbild zu stilisieren, ist in Zeiten, in denen Finanzkrisen die Eigenschaft besitzen, sich zu wiederholen, ein bemerkenswertes Plädoyer für das historisch in Europa gewachsene Leitbild des „Ehrbaren Kaufmanns“ und die Förderung wirtschaftlicher Sorgfalt.

Schopenhauer und das Geld
ISBN: 978-3-8260-6591-0
Autor: Manfred Wagner
Erscheinungsjahr: 2018
Seitenanzahl: 146
Sprache: deutsch
Preis: 24,80 EUR
ggf. zzgl. Versandkosten
„Schopenhauer und das Geld. Zweite, erweiterte und überarbeitete Auflage.“ bei Verlag Königshausen & Neumann GmbH
Affenspass.de bedankt sich für das kostenlose Rezensionsexemplar bei Herrn Hans Moosmüller vom Verlag Königshausen & Neumann.

Wirtschaftswissenschaftler, pareto-optimierter Philosophiestudent, Anhänger von Kant, Schelling und Lagerfeld.

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