Georg Groddecks „Das Buch vom Es“

Written by HomoSapiens

In diesem Artikel geht es um Das Buch vom Es. Psychoanalytische Briefe an eine Freundin von Georg Groddeck.

Warum ist dieses Buch interessant?

Sigmund Freuds bekanntes „Es“ kommt namentlich von Georg Groddeck. Diese beiden Psychoanalytiker hatten einen regen Briefwechsel und Freud hatte von Groddeck den Begriff, wenn nicht zu Teilen auch das Konzept des Es übernommen. Allerdings kann dieses Konzept, oder jedenfalls die große Rolle von Unbewusstem in menschlichem Erleben und Verhalten auch auf Nietzsche und insbesondere Arthur Schopenhauer und seinen Willen zurückgeführt werden – ebenso wie die Idee der Verdrängung.

Inhalt in Kürze

In diesem Werk schreibt der fiktive Patrik Troll einer Freundin Briefe, in denen er sie von der Existenz des Es und seiner starken Macht überzeugen will. Insbesondere die Sexualität steckt hinter (fast) allen menschlichen körperlichen wie seelischen Leiden.

Eberhard Rathgeb der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb am 21.06.2004 in seiner Besprechung:

„Groddeck schaut hinter jeden Juckreiz, hinter jeden chronischen Husten, hinter jeden Organschmerz, hinter jeden Beinbruch. Wer sitzt da, reibt sich die Hände? Die unerfüllte Sexualität, die auf diese symptomatische Weise aus ihrer Verdrängung zutage steigt. Groddeck denkt psychosomatisch. Ein krankes Organ ist ihm ein gekränktes Organ, die Kränkung – eine Verdrängung.“

Das ist es schon, das ist, worum es – immer und immer wieder wiederholt – geht in Groddecks Buch vom Es. Das ist auch schon der erste Grund dafür, dass dieses Buch nicht unbedingt empfehlenswert ist. Der Lesende wird aufatmen, wenn der Protagonist in seinem letzten Brief schreibt:

„Das war ein erlösendes Wort: ‚Ich habe es satt, Ihre Briefe zu lesen‘, schreiben Sie, und ich füge hinzu: ‚Ich habe es satt, sie zu schreiben.'“

Als Leser möchte man dem darüber hinaus noch hinzufügen: „Und auch ich habe es satt, sie zu lesen.“ Es sind nämlich 33 Briefe, in denen langatmig (vielleicht sehr fiktive) Fälle beschrieben werden, die die These unterstützen sollen, dass das Es den Menschen lebt und die Kraft ist, die ihn handeln, denken, wachsen, gesund und krank werden lässt und ihn lebt. (S. 245)

Argumentativer Wert

Dass eine Kraft in einem selbst, derer man sich unbewusst ist, das eigene Leben so maßgeblich bestimmt, haben andere, wie auch Schopenhauer auch schon gesagt. Der Gedanke war noch recht jung, als ihn Groddeck schrieb, vielleicht 100 Jahre alt etwa. Dieses Buch nicht zu empfehlen kann nicht den Grund haben, dass dieses Buch vermeintlich absurde Gedanken beinhaltet. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie für diesen Gedanken argumentiert wird. Der Unterschied zwischen Philosophen bzw. dem Ideal dieser und der Psychoanalytiker wie Freud oder Groddeck liegt darin, wie sie argumentieren.

Der fiktive Patrik Troll gibt schon zu Beginn zu, dass er kein Wissenschaftler ist, auch nicht sein möchte. Das bringt er in Zusammenhang mit der üblen Bezeichnung „Alma mater“ für eine Universität, die man besucht hat. Eine Freundin mit dem Namen Alma, die ihn nicht habe mitspielen lassen, und dass seine Mutter (mater) ihn nicht selbst habe stillen können, soll mitverantwortlich dafür sein, dass er mit Wissenschaft nichts am Hut hat. (S. 5-6)

Ein wohlwollend herausgesuchtes Beispiel für ein Argument findet sich auf S. 35:

„Es widerspricht ja aller Erfahrung, der Erfahrung von Jahrtausenden. Nun, einer Erfahrung, und ich halte sie für die Grundtatsache, von der man ausgehen muß, widerspricht sie nicht, das ist die, daß immer wieder neue Kinder geboren werden, daß also all die Schrecken und Leiden, von denen man seit unvordenklichen Zeiten spricht, nicht so groß sind, um nicht von der Lust, irgendeinem Lustgefühl überboten zu werden.“

Damit will Troll/Groddeck dafür argumentieren, dass Wollust nicht vom Bewußtsein empfunden werden müsse, und dass die scheinbar schmerzliche Entbindung ein Akt der Wollust sei. (S. 34)

  1. (Die Erfahrung zeigt:) Es werden immer wieder neue Kinder geboren.
  2. Kinder zu gebären ist ein willentlicher Akt der Mutter.
  3. Willentliche Akte geschehen nur, wenn Leid von Lust überboten wird.
  4. Also: Die Geburt eines Kindes ist für die Mutter eine Handlung mit mehr Lust als Leid.

Die „Lust“ dieses Arguments ist als Wollust, also sexuelle Lust zu verstehen. Das Argument ist nicht durch die Form bzw. Gültigkeit schwierig, sondern – falls diese Formalisierung zutreffend ist – durch die Prämissen 2 und 3.

Zu Prämisse 2: Hier fehlt der Zeitfaktor: Wahrscheinlich war der Akt der Zeugung ein willentlicher Akt (u.a. der Mutter). Möglicherweise war der sexuelle Akt willentlich, aber nicht notwendiger Weise mit Bedacht auf die Folgen. Die Geburt ist vonseiten der Mutter wohl nur insofern gewollt als dass das Leiden ein Ende findet. Es ist ein negatives Wollen und bloß Folge der Zeugung.

Zu Prämisse 3: Auch hier fehlt der Zeitfaktor: Wird denn regelmäßig bei Handlungen Lust oder Leid einkalkuliert, das kausal mit der Handlung verknüpft ist, wenn es in ferner Zukunft liegt? Vielleicht liegt es nur an einer sehr hohen Gegenwartspräferenz, dass man mögliche Kindesgeburten bei sexuellen Handlungen oder eine mögliche Diabetes-Erkrankung beim Verzehr von hochkalorischen Desserts „akzeptiert“?

Kurzum: Wenn eine Frau sexuell aktiv ist, heißt das nicht, dass sie bei der Geburt mehr Spaß als Schmerzen hat. Allerdings: Georg Groddeck will natürlich nicht darauf hinaus, der Frau selbst diese Wahl zu überlassen. Das ganze Argument wird hinfällig, da Groddeck ja eigentlich meint, dass niemand bewusst irgendwelche Entscheidungen trifft. Das Es trifft die Entscheidungen. Das Es lebt uns.

Das Es und die bizzaren Folgen bei Groddeck

Wenn das Es uns lebt, so kann man über menschliches Verhalten nicht mit menschlichen Gefühlen argumentieren. Einige Beispiele dafür, zu welchen Behauptungen sich der Protagonist durch sein „Es“ verleiten lässt.

Der Nicht-Wissenschaftler behauptet etwa, dass es „wissenschaftlich“ betrachtet kein Unterschied ist, ob eine Frau eine Zeugung verhindert oder abtreibt:

„Wollen Sie mehr hören? Ich sprach vorhin von der Abtreibung, einem Verfahren, das der sittliche Mensch mit aller nur möglichen Verachtung verwirft – öffentlich. Aber das Vermeiden der Schwängerung ist doch, wissenschaftlich betrachtet und im Resultat, dasselbe.“ (S. 22)

Außerdem steckt hinter Fehlgeburten immer ein unbewusster Wille der Frau :

„Sie mögen es mir glauben oder nicht, es ist noch nie eine Fehlgeburt zustande gekommen, die nicht absichtlich aus gut erkennbaren Gründen vom Es herbeigeführt worden wäre. Noch nie. Das Es treibt in seinem Haß, wenn der die Übermacht gewinnt, das Weib dazu, zu tanzen oder zu reiten oder zu reisen oder zu Menschen zu gehen, die freundliche Nadeln oder Sonden oder Gifte gebrauchen, oder zu fallen oder sich stoßen und sich mißhandeln zu lassen, oder zu erkranken.“ (S. 26)

Und natürlich ist es vollkommen unmöglich, eine Frau zu vergewaltigen. Wenn sie Sex hat, so will sie es auch, wenigstens unbewusst:

„Das ist ein merkwürdiges Phänomen; es bedeutet, da´der Mann wohl tausendfach und unter den seltsamsten Verhältnissen liebesfähig ist, daß er aber unter gar keinen Umständen eine Erektion bekommt in Gegenwart einer Frau, die diese Erektion verhindern will. Es ist eine von den tief versteckten Waffen des Weibes, eine Waffe, die sie unbedenklich braucht, wenn sie den Mann demütigen will, oder vielmehr, das Unbewußte der Frau braucht die Waffe, so nehme ich an, weil ich nicht gern ein Weib solch bewußter Bosheit für fähig halte, und weil es mir wahrscheinlicher ist, daß zur Verwendung dieses Fluidums, das den Mann schwächt, unbewußte Vorgänge im Organismus des Weibes stattfinden. Mag es nun so sein  oder so, jedenfalls ist es ganz unmöglich, daß ein Mann ein Weib nehmen kann, wenn sie nicht irgendwie einverstanden ist.“ (S. 28f.)

Form: Brief

Zu guter Letzt noch ein Wort zur Form. Briefe können eine schöne oder gute Form der Präsentation von Inhalten sein, auch wenn, wie in diesem Buch, nur eine Seite dargestellt wird. Schlecht ist an diesem Buch allerdings, dass diese Form unglaubwürdig genutzt wurde. Theoretisch antwortet die Freundin auf die Briefe von Patrik Troll. Seine Briefe lassen aber erahnen, dass die Freundin sich stets wirklich sehr kurz äußert in ihren Briefen, sodass Troll in einem schnellen Absatz ihre Einwände oder Beschwerden abhandeln kann; oder aber Groddeck hat sich nicht die Mühe gemacht, die fiktive Freundin etwas mehr auszuarbeiten. Auch unglaubwürdig ist, dass die Freundin sich regelmäßig wie ein kleines Schulmädchen behandeln lässt, etwa S. 165: „diesmal haben Sie sich rasch in die Sache gefunden“, oder sich als „dumm“ bezeichnen lässt, wie auf S. 159: „Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so dumm sind, an meine Versprechungen zu glauben.“

Vielleicht ist der schlechte Eindruck von Groddecks Buch vom Es auch der Dummheit geschuldet, mit einem falschen Ansatz oder mit zu hohen Erwartungen an das Buch heranzugehen.

Artikelbild: Scan des Buches, s.u.
Literatur: Georg Groddeck, Das Buch vom Es. Psychoanalytische Briefe an eine Freundin, Berlin 2016.

Student Philosophie und Geschichte der Wissenschaften; Atheist; Autor bislang unbedeutender Literatur; Schopenhauer-Freund; unbetroffen von Politikverdrossenheit; Teilzeit-Wikipedia-Autor; gescheiterter Clown; Läufer; Radler; Hesse; Freund subtilen Humors

Kommentieren

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.