The 2001 File – Harry Langes Odyssee zum perfekten Raumschiffentwurf

Written by Professor Zaius

Zum Start der neuen Bildband-Kritik-Reihe auf affenspass.de, “Kunstbuchzeit” schien es thematisch passend, einen Bildband auszuwählen, in dem Starts eine große Rolle spielen, nämlich Raketenstarts zur Erkundung des Weltraums. Gerade in der Kulturwelt Frankfurt am Mains steht das Weltall wieder mit den abgespacten Kulissen der im April aufgeführten Oper L’Africaine und vor allem der Ausstellung zum 50-jährigem Jubiläum von “2001 – A Space Odyssee” hoch im Kurs. Neben Kuriositäten wie dem Originalmodell des Starchild aus der letzten Szene von 2001, bietet die Ausstellung vor allem genug Exponate für die technisch Interessierten. Jene werden vermutlich bemerken, dass das mit Kubrickscher Akribie angefertigte Exterieur und Interieur der gezeigten Raumschiffe und Raumstationen mit ihrer Ästhetik, die selbst heute noch futuristisch anmutet, das Herz und die Seele von 2001 ausmachen. Als Verantwortliches für diese Designs würdigt diese Ausstellung einen mit einem eigenen Porträt besonders: den deutschen Szenebildner Harry Lange. Lange war, bevor er durch die Zusammenarbeit mit Kubrick ins Showbusiness einstieg, derjenige, der unter der Leitung von Wernher von Braun Nasa-Prototypen für etwaige Investoren in richtigem Licht darstellen und vermarkten sollte. Für Kubrick, dessen Ziel in der realistischen Darstellung von Weltraumtechnologie bestand, waren Lange und seine Erfahrung als technischer Zeichner ein Hauptgewinn; in der Tat wäre es schwer vorstellbar wie 2001 ohne Langes Beteiligung aussehen würde. Dass mit 2001 nicht nur Kubricks, sondern auch Langes Genie in einem Atemzug genannt werden müssen, belegt die 2015 bei Reel Art Press erschienene Publikation „The 2001 File Harry Lange and the Design of The Landmark Science Fiction Film“, in der zusammen mit dem Einführungstext von Christopher Frayling größtenteils unveröffentlichte Entwürfe aus dem Archiv von Harry Lange dem Leser zur Verfügung gestellt werden. Im Folgenden werde ich darlegen, ob diese Monografie wirklich dem Anspruch gerecht wird, laut Pressemitteilung als „Heiliger Gral“ bezeichnet zu werden.

Wenn man Bücher nur nach dem Einband beurteilen würde, dürfte man „The 2001 File Harry Lange and the Design of The Landmark Science Fiction Film“ sicherlich als „Heiligen Gral“ bezeichnen: Der Kartoneinband ist spektakulär mit silberner Schrift und einem Helmdesign von Lange geprägt und ist ein Schmuckstück für den berüchtigten „Coffee Table“. Deshalb ist es etwas schade, dass es keinen Schutzumschlag besitzt – besonders die raue Schwarze Oberfläche zieht den Staub genauso magisch an wie der Monolith die neugierigen Menschen in Kubricks Film. Bei einer Produktrezension auf Amazon wurde ein schwerer chemischer Geruch des Bandes angemerkt, diesen Eindruck kann ich allerdings nicht teilen. Unter den Kunstbänden, die ich besitze, gibt es viel schlimmere Verbrecher, es ist aber wohl ein spezifisches Problem der bildlastigeren Kataloge, wo das Mehr an Farbe für den Druck der Bilder auch den Geruch erzeugt. Eben diese hohe Anzahl an Bildmaterial ist in Zeiten, wo der Text vor allen in musealen Katalogen die Bilder verdrängt, der größte Verdienst des Verlags. Ist die Preisempfehlung von 55 € für 336 Seiten ein wenig teurer als der Durchschnitt (hier gehe ich immer von 10 Cent pro Seite als gerechtem Durchschnittspreis aus), so stellt sich die geforderte Summe umso fairer dar, wenn man den Preis zu der Anzahl der Abbildungen (laut Pressemitteilung 600) ins Verhältnis setzt. Verglichen mit der Preispolitik des Taschen Verlags sind die Verantwortlichen von Reel Art Press geradezu großzügig. Taschen hat zu einem annähernd gleichen Preis ein Standardwerk zu 2001 veröffentlicht, jenes ist aber nur ein Reprint einer längst vergriffenen großformatigen Luxusausgabe, deren Preis sich im dreistelligen Bereich befand. Das extreme Längsformat des Taschen Bandes zu 2001 lässt in Kombination mit der festen Bindung nicht zu, die Bilder angenehm betrachten zu können. Dieses Problem hat das 2001 File mit seinem konservativeren, aber sinnvolleren Format von 24×29 cm nicht. Man merkt, dass diese Monografie kein Kuppelprodukt oder Appetithäppchen für eine großformatigere Ausgabe ist, sondern ein aufrichtiger Versuch, ein inhaltlich und ästhetisch ansprechendes Kunstbuch zu veröffentlichen. Ein zweischneidiges Schwert ist dabei die matte Ausführung der Seiten. Ist jene für die technischen Zeichnungen Langes, die einen Großteil des Buchs ausmachen, eine angemessene Darstellungsweise und sehen schwarz-weiße Produktionsfotos noch ganz passabel aus, wirken die farbigen Filmstills grobkörnig. Der Fokus wurde eindeutig auf die Wiedergabe von Langes Entwürfen gesetzt, die Bilder aus dem Film können als eine Art nette Dreingabe zur besseren Orientierung des neuen Materials mit bereits Bekanntem erachtet werden.

Was den Inhalt angeht, geht, schon wie erwähnt, dem Bildteil ein von Christopher Frayling verfasster Textteil voraus, welcher ein Drittel des Bandes einnimmt. Selbst dieser ist reich bebildert und die Aussagen sind mit Originalnotizen und Interviews belegt. Da es sich um einen Fachtext handelt, ist die Einleitung nur denen zu empfehlen, die der englischen Sprache mächtig sind, obwohl sich der Autor Mühe gibt, den Produktionsprozess so anekdotisch wie möglich darzustellen. Anzumerken ist, dass sich Frayling vor allem auf Kubricks und Clarkes Zusammenarbeit für Drehbuch und Roman von 2001 und auf den technischen Aspekten der Produktion konzentriert. Wer eine vollständige Dokumentation zu allen Bereichen von 2001 sucht, ist mit Bizonys Standardwerk besser bedient. Wer aber Bizonys Making-Of schon besitzt, sollte nicht vor dem Kauf des 2001 File als informativer Ergänzung zurückschrecken. Zum Textteil ist abschließend zu bemerken, dass das Layout den Lesefluss fördert; Zitate werden kursiv angeführt und können so einfacher gefunden werden. Eigennamen der im Film auftretenden Raumschiffe und Organisationen sind fett gedruckt. Das Kaufargument ist aber eindeutig der Bildteil, das sogenannte “Harry Lange Archiv”. Schön ist, dass nicht nur seine unmittelbare Arbeit für 2001 gezeigt wird, sondern auch seine früheren Arbeiten, vor allem die Illustrationen für von Brauns und Ordways „History of Space Travel and Rocketry“. Dieses Buch ist in Deutschland nur schwer erhältlich und deshalb ist es schön, diese Illustrationen im 2001 File wiederzufinden. Die Abbildungen sind in einer filmchronologischen Weise immer vom Anfangsentwurf bis zum cinematischen Endresulat dargestellt. Diese Systematik hilft, die Einzigartigkeit von 2001 zu verdeutlichen, einen Prozess zu zeigen, wie eine Idee für ein Design immer weiter von Kubrick und Lange perfektioniert wurde. Was die Raumschiffe und Raumstationen angeht, ist dieser Band vollständig. Es fehlt – soweit ich mich an meine letzte Betrachtung des Films kurz vor dieser Rezension erinnern kann – nichts.

Damit wird das 2001 File, nachdem es in der Produktbeschreibung so hohe Erwartungen weckt, ihnen fast vollkommen gerecht. Für den neueren Kunstbuchmarkt ist das eher überraschend. Wie ich finde, ist es die beste Monografie zu 2001 ohne ein Standardwerk zu sein. Das liegt an dem vergleichsweise engen Fokus, in dem der Produktionsprozess gezeigt wird. Dieser ist jedoch bei einem Film wie 2001 sogar angemessen, weil Technologie in diesem Film fast eine Hauptrolle zu spielen scheint. Ich empfehle diesen Band jedem Fan von 2001 und natürlich jedem, der vom Aeronautik und Weltraumfieber gepackt wurde. Auch für professionelle technische Designer und angehende Illustratoren ist das 2001 File eine wahre Fundgrube zur Anregung und Verfeinerung eigener Ideen im Hinblick auf die Kombination von zeichnerischer Schönheit und wissenschaftlicher Akkuratesse.


Austellung „Kubricks 2001. 50 Jahre A SPACE ODYSSEY“
21. März bis 23. September 2018 im Deutschen Filmmuseum (Schaumainkai 41, 60596 Frankfurt am Main)
„Stanley Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY (GB/US 1968) ist ein Meilenstein der Filmgeschichte. Aus Anlass des 50. Jahrestags der Erstaufführung präsentiert das Deutsche Filmmuseum Frankfurt eine weltweit einzigartige Ausstellung zu Kubricks Kultfilm 2001 – mit zahlreichen Originalexponaten aus internationalen Sammlungen und aus dem Stanley Kubrick-Archiv der University of the Arts London.“
(2001.deutsches-filmmuseum.de)

The 2001 File
Harry Lange and the Design of the Landmark Science Fiction Film
Von Christopher Frayling
Englisch
24,5 x 29 cm
Hardcover
336 Seiten
600 Abbbildungen
€ 55,-
ISBN 978-0-9572610-2-0
Reel Art Press

Für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars des 2001 File bedankt sich die Kunstbuchzeit herzlich bei Frau Meike Gatermann von der KulturAgentur (www.kulturagentur.net)

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