Wo ist der Hauptbahnhof in einer typisch deutschen Stadt?

Written by HomoSapiens

Es gibt einige Dinge, die man von einer deutschen Stadt wissen kann, bevor man in ihr gewesen ist. Beispielsweise ist es in den meisten (deutschen) Städten sehr leicht, den Hauptbahnhof, die billigsten Wohnungen oder etwa das Rotlichtviertel geographisch auszumachen. In diesem Artikel geht es um den Hauptbahnhof in einer typischen Stadt in Deutschland.

Viele Faktoren beeinflussten, wo der Hauptbahnhof einer Stadt entstand oder hingezogen ist. Manchmal wurden alte Bahnhöfe abgerissen und ein neuer an leicht versetzter Stelle gebaut, oder ein Hauptbahnhof war so zugebaut, dass er größeren Bahnreisendenzahlen nicht baulich angepasst werden konnte, sodass an einer anderen Stelle ein neuer Bahnhof zu einem Hauptbahnhof ausgebaut werden musste. In der Hauptsache war und ist für den Ort eines Hauptbahnhofes in einer klassischen deutschen Stadt aber entscheidend, wie groß, wichtig oder glücklich sie zu einem ganz besonderen Zeitpunkt der Geschichte war, nämlich zu Erfindung der Eisenbahn. Von da an wurde die Geschichte dieser Städte neu geschrieben: Mit einem Bahnhof ging es noch weiter bergauf, ohne konnte eine Stadt den Anschluss verlieren.

Der Anfang der Eisenbahn in Deutschland

Als erste Eisenbahnlinie Deutschlands gilt die Linie Nürnberg-Fürth von 1835.  Die Verbindung zwischen Dresden und Leipzig kam 1837 und ein Jahr später wurde auch eine Linie von Potsdam über Zehlendorf nach Berlin eröffnet. Die erste Eisenbahnlinie, die die Grenzen des Deutschen Bundes übertrat, war die Eisenbahnlinie zwischen Köln und Antwerpen, schon 1843.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts wuchs das Schienennetz im Deutschen Bund also immens: 1835 gab es eine Gesamtlänge von 6 km. 1840 waren es im Reich schon 548 km und im Jahr 1855 hatte das Netz eine Gesamtlänge von 8.289 km. Vier Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches war das Gesamtnetz von fast 28.000 km lang. (Heute sind es nach zwischenzeitlich etwa 55.000 km noch ca. 31.000 km – nach kriegsbedingten Gebietsabtretungen.)

Die Eisenbahnlinien und damit auch die ersten Bahnhöfe wurden also bei Städten wie Nürnberg, Leipzig oder Berlin sehr früh gebaut. Das gab diesen Städten einen großen Startvorteil im Zeitalter der Industrialisierung. Sollte sich in einer Stadt Industrie ansiedeln, so war ein Bahnhof und der Anschluss an andere wichtige Städte entscheidend.

Das Ende der Stadtmauern in Deutschland

Bevor klar wird, welche Rolle der Beginn der Eisenbahnen beim heutigen Standort der Hauptbahnhöfe gespielt hat, muss noch ein anderer Faktor genannt werden. Nur in wenigen Städten ist der Faktor Stadtmauer so sichtbar wie in Nürnberg, doch auch in anderen Städten sind Stadtmauern oder ihre Spuren noch sichtbar.

In vielen Städten Deutschlands gab es bereits um 1800 keine Stadtmauern mehr, andere Städte mussten ihre Stadtmauern in der Zeit der napoleonischen Kriege aufgeben, wie beispielsweise Frankfurt. Als die Bevölkerungen der Städte im 19. Jahrhundert immer schneller wuchsen und militärische Entwicklungen Stadtmauern überflüssig machten, wurden Stadtviertel außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern gebaut. Im Gegensatz zu früheren Zeiten wurden dabei aber keine neuen Stadtmauern gebaut. Spuren der alten Verteidigungsanlagen finden sich in Toren, Gräben oder in Stadtmauern wie in Nürnberg.

Der Rückgang der Stadtmauern und der Ausbau der Eisenbahnlinien fallen also unmittelbar in dieselbe Zeit. Das ist natürlich kein Zufall: Zum einen fördert die Eisenbahn das Wachstum einer Stadt und zum anderen mussten vielerorts alte Befestigungsanlagen den neuen Gleisen und Bahnhöfen weichen.

die Hauptbahnhöfe einiger Städte

Da die neuen Eisenbahnlinien und Bahnhöfe mit der Entwicklung neuer Stadtviertel außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern zusammenfallen, ist es kein Wunder, dass man meist unmittelbar außerhalb der Altstadt und der mittelalterlichen Verteidigungsanlagen den Hauptbahnhof findet. Meist ist der heutige Hauptbahnhof natürlich ein „neuer“ Bau und stammt nicht direkt aus den ersten Tagen der Eisenbahn. Die meisten Bahnhöfe stammen aus der Zeit Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts, wie man leicht am Bau (-Stil) erkennen kann.

Nürnberg

Das beste Beispiel ist Nürnberg. Sobald man die Altstadt im Südosten verlässt, steht man vor dem 1844 eröffneten Hauptbahnhof. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten hat Nürnberg noch große Teile seiner Stadtmauer, weswegen auch die Orientierung in dieser Stadt sehr einfach ist. Auch ist die Altstadt von einem Graben umgeben.

Der ursprünglich als Kopfbahnhof ausgelegte Hauptbahnhof wurde mehrmals umgebaut, musste aber nicht verlegt werden. So liegt der Hauptbahnhof in Nürnberg also noch direkt an der Grenze zur Altstadt.

Dortmund

Der Dortmunder Hauptbahnhof wirkt nicht wie ein Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert. Durch den letzten Weltkrieg ist das alte Empfangsgebäude zerstört worden, und ein neuer, unästhetischer Zweckbau von 1952 steht nun an der Stelle, an welcher schon 1847 ein Bahnhof stand. Der Ort ist wie in Nürnberg direkt an der Altstadt, wie auch ein Blick auf die typische Struktur der Stadt auf der Karte zeigt.

Leipzig

Neben Dortmund und Nürnberg gibt es noch Dutzende weitere Beispiele. Doch hier nur noch zwei schöne von 500.000-Einwohner-Städten. Auch in Leipzig liegt der Hauptbahnhof von 1915 zentral. Obwohl er so spät gebaut wurde, ist er nicht weit der alten Stadtgrenze, da an gleicher Stelle eine Vielzahl von privaten Bahnhöfen mit unterschiedlichen Anschlüssen standen. Es brauchte einen echten Hauptbahnhof, der alle Ströme zusammen aufnehmen konnte und Umstiege vereinfachte.

Bremen

Bremen ist ein besonders schönes Beispiel, da die alten Befestigungsanlagen auf der Karte besonders gut sichtbar sind. Und auch der Bahnhof ist nicht weit. Als dieser 1847 eröffnet wurde, ist Bremen noch nicht weit über die mittelalterlichen Befestigungen hinausgewachsen.

Frankfurt

Bislang wurden bloß Beispiele genannt, bei denen unmittelbar an die Altstadt angrenzend die Hauptbahnhöfe zu finden waren. Das ist natürlich nicht überall der Fall. Eine kleine Abweichung ist beispielsweise Frankfurt am Main, wie der Blick auf die Karte zeigt:

Die mittelalterlichen Stadtgrenzen sind sichtbar, auch der Hauptbahnhof. Letzterer ersetzte erst 1888 drei kleinere Bahnhöfe. Die schwierige politische Lage Frankfurts als ehemaliger und kleiner freien Stadt hatten ältere Pläne für einen großen Hauptbahnhof in zentralerer Lage nicht ermöglicht. Daher entstand ein echter Hauptbahnhof mit allen wichtigen Verbindungen erst, als die Stadt bereits über die Grenzen der mittelalterlichen Befestungen hinaus gewachsen war.

Fazit

In der Regel befindet sich der Hauptbahnhof einer deutschen Stadt unmittelbar in der Nähe der Altstadt bzw. der mittelalterlichen Stadtmauer oder -Gräben. Das beschleunigte Wachstum der Bevölkerung, die Erfindung der Eisenbahn und der abnehmende militärische Nutzen der Stadtmauern fielen in dieselbe Zeit. War eine Stadt zur Zeit der ersten Eisenbahnen bedeutend, ist der Bahnhof nahe der Altstadt.

Artikelbild: Von Nicohofmann - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7852331
Kartenmaterial: openstreetmap.org

Student Philosophie und Geschichte der Wissenschaften; Autor bislang unbedeutender Literatur; Schopenhauer-Freund; unbetroffen von Politikverdrossenheit; Teilzeit-Wikipedia-Mitarbeiter; gescheiterter Clown; Läufer; Radler; Hesse

Comments: 2

  1. TheSense says:

    Der letzte Satz des Fazit ist in den meisten Fällen sicher richtig. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel. Da im 2. Weltkrieg auch Bahnhöfe zerstört wurden, befinden sich die Neubauten der Nachkriegszeit nicht immer am gleichen Platz (Beispiel: Braunschweig)

    • HomoSapiens says:

      Danke für den Hinweis. Braunschweig hatte ich bis jetzt noch nicht gesehen. Ja, einige Hauptbahnhöfe sind natürlich wegen wachsender Fahrgastzahlen und mangelnder Ausbaumöglichkeiten oder wegen Kriegsschäden verlegt worden.

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