Alle Lesende, denen bei Wörtern wie „Homo“, „Neger“ oder „Krüppel“ ein Schauer über den Rücken läuft, haben vermutlich ein gewisses Gefühl dafür, was man heutzutage sagen darf und was nicht. Doch wieso ist das so und wie lange bleibt das so?

Dreiklang aus Sprache, Realität und Moral

Das, von dem hier die Rede ist, sind Euphemismen. Warum gibt es sie? Ursache davon ist zum einen das Spannungsfeld zwischen Handlung und Wahrnehmung: Sprache und Realität. Zum anderen spielt die Moral eine große Rolle, die aus unseren Gefühlen resultiert. Manche Dinge, die wir wahrnehmen verursachen negative Gefühle und daher können wir sie nicht mit den Wörtern ausdrücken, die sachlich nicht falsch sind. Wir verwenden andere Wörter, um auszuweichen. Das sind Euphemismen: Beschönigungen oder Verschleierungen. Es sind nicht wirklich Synonyme, da diese von der Bedeutung näher an der Sache sind. Euphemismen sind absichtliche Abweichungen von der wahren Bedeutung.

Relevant sind Euphemismen hauptsächlich bei andersartigen Gruppen von Menschen, die Gewissensbisse oder andere besondere (negative) Gefühle verursachen. Es geht in der Regel um SexarbeiterInnen, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Migrationshintergrund oder ähnliche Eigenschaften. Was darf man also nicht mehr sagen? Nutten, Krüppel, Zigeuner, Hure, Neger usw.

Auch sollte man wohl nicht mehr von Flüchtlingen reden, es sind nun Geflüchtete. Die Ursache dafür liegt im Suffix „-ling“. Es handelt sich um eine grammatische Verkleinerungsform. Auf Augenhöhe betrachtet muss man daher von Geflüchteten sprechen. Die Eigenschaft des Flüchtens muss nicht versteckt, passiv formuliert oder ignoriert werden (wie es bei anderen Bevölkerungsgruppen der Fall ist). Das Problem ist hier (bisher nur!)  das sprachliche Verkleinern.

Doch auch Zustände und Objekte können negative Gefühle auslösen. Nicht nur die politcal correctness ist es, die dazu verleitet, „bewaffneter Hilfseinsatz“ anstelle von „Krieg“ oder „Freudenhaus“ anstelle von „Bordell“ zu sagen. Es kann auch ein schlechtes Gewissen oder eine bewusste Täuschung sein: In der Wirtschaft erhöht man vielleicht nicht die Preise, sondern man „korrigiert“ sie. Auch betrachtet man Hausmeister auf den ersten Blick nicht mehr so negativ, wenn man sie „Facility manager“ nennt.

Ändert die Sprache die Realität?

Euphemismen verwendet man also dort, wo die Realität nicht den Zustand bietet, mit dem man umgehen kann oder will. Teilweise werden Euphemismen bzw. der bewusste Sprachwandel auch als Kampfmittel gegen eine negativ wahrgenommene Realität eingesetzt. Man geht dabei davon aus, dass die Realität auch durch die Sprache definiert oder auch konstruiert wird. Ändert sich die Sprache, so ändert sich auch die Realität – so zumindest die Hoffnung der progressiveren Sprachenverwender.

Solange eine Sprache nutzbar sein soll, sie also nützlich wahrgenommen werden soll, muss sie die Möglichkeiten bieten, die Realität zu benennen. Menschen finden, auch wenn sie politisch korrekt sind, und vielleicht nicht so reden wollen wie Donald Trump, immer Wege, sich auszudrücken. Sei es in Arbeitszeugnissen, wo man nicht mehr von „schweren Fehlern“ oder „Diebstahl“ sprechen darf oder mag und dafür ausdrückt, dass der Arbeitnehmer „alle Aufgaben zu seinem und dem Interesse seiner Firma gelöst hat“, oder sich „gut verkaufen konnte“, wenn es sich um Wichtigtuer handelt. Die Sprache macht Menschen hier nicht zu besseren Menschen, sie ändert sich bloß, während die Menschen dieselben bleiben.

Problematisch scheint auch das Phänomen bzw. die Hypothese der Sprachwissenschaftler, die „Euphemismus-Tretmühle“ genannt wird. Dabei werden negativ konnotierte Wörter durch Euphemismen ersetzt, die allerdings mit der Zeit den negative Bedeutung erben. Das kann man zum Beispiel bei „Ausländern“, „Gastarbeitern“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“ beobachten. Die Bedeutung sickert durch. Auch bei Menschen, die neuerdings „Sexarbeiter“ genannt werden ist das zu beobachten. Zwar soll dieser Begriff auch mehrere Berufe jenseits der „Nutten“, „Huren“ und „Prostituierten“ bezeichnen, jedoch wird dafür wohl bald wieder ein neuer Begriff benötigt.

Teilweise geht dieser bewusste Sprachwandel ins Absurde, wo der Unterschied zwischen „echtem“ Euphemismus und Parodie kaum noch zu unterscheiden ist: Im Englischen redet man anstelle von „handicapped people“ zwar auch von „disabled“, aber auch von Menschen mit „special needs“. In Deutschland kennt man auch den Begriff „Maximalpigmentierte“ für „Schwarze“ oder Menschen, die noch heute von älteren Generationen als „Neger“ bezeichnet werden.

Solange sich die Realität nicht ändert, also der Kampf gegen die Realität nur sprachlich geführt wird, befinden wir uns in einer Tretmühle – wir kämpfen nicht gegen Windmühlen, sondern wir kämpfen mit den falschen Mitteln.

neue beleidigende Wörter gesucht

Es gibt im Übrigen nicht nur die Euphemismus-Tretmühle, sondern auch das gegenteilige Phänomen: die Dysphemismus-Tretmühle. Dabei werden negativ konnotierte Wörter positiv verwendet. Die negative Verwendung des Wortes ist dann nicht mehr möglich. Es braucht nun neue Wörter, die diese negative Bedeutung aufnehmen können. Das kennt man in Deutschland von den Wörtern „toll“, „schwul“, „Nigger“ oder „Pirat“. In der Regel betrifft das allerdings nur die Selbstbezeichnungen, es besteht ein Unterschied zwischen dem Weißen, der einen Schwarzen als „Nigger“ bezeichnet, und einem Schwarzen, der dasselbe macht. Das Wort „toll“ war ebenso negativ wie das „Tollhaus“ und „schwul“ war negativer als es heute ist. Dafür gibt es nun die vermeintliche Beleidigung „Homo“. Wie lange das in den Köpfen einiger Menschen negativ ist, bleibt abzuwarten …

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