Augmented Virtuality – Das Handbuch zu „O Sentimental Machine“

geschrieben von Professor Zaius

Eindrücke von vergangenen Kulturen lassen sich auf Grundlage der von ihnen hinterlassenen Artefakte bilden – Eindrücke von vergangenen Ausstellungen auf Basis ihrer Ausstellungskataloge. Für ein Museum, in dem größtenteils Antike und Vormoderne Skulpturen ausgestellt werden, scheint deshalb der Rückblick zu William Kentridges vom 22.03-26.08.2018 im Liebieghaus ausgestellter Performance „O Sentimental Machine“ mit einer Rezension ihres „Handbuchs“ besonders geeignet.

Wer die bereits erschienen Kataloge Kentridges in der Buchhandlung seines Vertrauens durchgeblättert hat, der mag gestehen, dass ihm für die Collagen des Multimedialkünstlers und Tausendsassas Kentridge ein wenig der Kontext fehlt. Das bei Kerber erschienene Handbuch kann da als Propädeutik ein wenig abhelfen. Für ein deutschsprachiges Publikum ein ‚Kentridge für Anfänger‘. Der 1955 in Südafrika geborene Kentridge, der sich auf neodadaistische Weise insbesondere mit der Apartheid auseinandersetzt, zieht auch das Liebieghaus und eine Geschichte in den Dunstkreis des kolonialismuskritischen Diskurses. Wie etablierte kulturelle Erzeugnisse wird auch die Villa Liebieg von der künstlerischen Präsenz Kentridges überlagert. An dieser Ausstellung, die besonders den menschlichen Hang zum Automatismus dekonstruieren will, hätte der französische Philosoph Henri Bergson seine Freude gehabt.

Das Handbuch selbst richtet sich von seinem Niveau her auch an ein geisteswissenschaftliches Publikum. Etwa 20% nehmen Essays ein, deren Quellenangaben im Chicago-Style gut und gerne mal ein Drittel der Seite einnehmen können. Die stilistische Qualität der Beiträge variiert; löblich ist, dass auch Kentridge mit einem eigenen Essay selbst zu Wort kommt. Im Katalogteil werden die einzelnen von Kentridge umgestalteten Zimmer der Villa immer von einer Seite Text eingeleitet, die das Gezeigte in einen kunst- und gesellschaftshistorischen Zusammenhang bringen. Diese kurzen Texte sind aufgrund ihrer Prägnanz besonders herauszustellen.

Die Fülle des Bildmaterials und sein Layout sind ebenfalls zu würdigen. Der Katalog fungiert als hybride Präsentation von Kentridge und der Sammlung des Liebieghauses –  bedient also zwei Interessen auf einmal. Wie Kentridges Ausstellung ist auch das Handbuch verspielt und sorgt mit Überlagerungen von Kentridges Malerei auf Transparentfolie über den Skulpturfotos und hineingelegten Postkarten für ein interaktives Gefühl. Wer als Kind mit den Felix-Büchern von Anette Langen aufgewachsen ist, wird sich als junger Erwachsener an ein freudiges Gefühl der Entdeckung wiedererinnern.

Was die Verarbeitung dieses Bucherlebnisses angeht, ist das größte Manko, dass es ein Softcover ist. Wenn die zahlreichen Beilagen aus einem festeren Kartonmaterial als der Einband bestehen, ist eine Abnutzung nach mehrmaligem Lesen vorprogrammiert. Für einen 49,90 € teuren Band im handlichen Format von ca. 15 cm x 24 cm ist das schade. Von der Funktionalität des Buches wäre der verhältnisweise hohe Preis mit 0,17€ pro Seite sogar gerechtfertigt, wäre da nicht die vom Einband herrührende Obsoleszenz.

Das Handbuch zu Kentridges Ausstellung ist, meiner Meinung nach, einem breiteren Publikum zu empfehlen als dem, an welches es sich primär richtet. Nicht nur Kentridge-Fans werden auf ihre Kosten kommen, sondern auch häufige Besucher des Liebieghauses, weil der Katalog fast alle Sammlungsgegenstände des Liebieghauses bis auf die Asien-Abteilung, die Sabine Theunissen nicht gestaltet hat, beinhaltet. Wer sich für die Rolle der Automaten in der antiken griechischen Kultur interessiert, wird in den ersten beiden Essays über Automata von Vinzenz Brinkmann und Oliver Primavesi zwei aufschlussreiche Quellen finden. Bibliophile werden sich über einen Sammelband freuen, der origineller gestaltet ist als vergleichbare Publikationen Kentridges, vorausgesetzt sie lesen ihn nicht zu oft.

Kunstbuch Ausstellung
Mai 2018

Herausgeber: Vinzenz Brinkmann, Kristin Schrader

ISBN 978-3-7356-0448-4

15,50 x 21,50 cm

288 Seiten

147 farbige und 128 s/w Abbildungen

Broschur, broschiert

ausgestattet mit Transparentblättern, 3 Postkarten und Werkverzeichnis als ausklappbares Leporello

Sprachen: Deutsch, Englisch

Preis: 49,90 Euro

https://www.kerberverlag.com/de/william-kentridge.html

Vom 22. März bis 26. August 2018 präsentiert die Liebieghaus Skulpturensammlung einen ganz besonderen Gast: In einem umfassenden Ausstellungsprojekt bringt William Kentridge (geb. 1955) seine Werke in einen Dialog mit der 5.000 Jahre überspannenden Sammlung des Frankfurter Museums. Die groß angelegte Ausstellung „William Kentridge. O Sentimental Machine“ präsentiert anhand von über 80 teils raumfüllenden Arbeiten und Installationen das ganze Spektrum im Œuvre des südafrikanischen Künstlers. Kentridge ist international für seine Zeichnungen, Filme, Theater- und Opernproduktionen bekannt. Seine bereits in Einzelausstellungen im Museum of Modern Art in New York, in der Albertina in Wien und im Louvre in Paris, aber auch im Rahmen von Operninszenierungen an der Metropolitan Opera in New York, der Scala in Mailand, bei den Salzburger Festspielen oder bei der Documenta gezeigte künstlerische Praxis ist grundlegend interdisziplinär und führt unterschiedliche Medien und Genres zusammen. (Pressetext des Liebieghauses)

 



Für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars des Handbuchs zu „O Sentimental Machine“ bedankt sich die Kunstbuchzeit herzlich bei den Verantwortlichen des Kerber-Verlags.

Wirtschaftswissenschaftler, pareto-optimierter Philosophiestudent, Anhänger von Kant, Schelling und Lagerfeld.

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