McCormick, Repräsentation und die Machiavellian Democracy

Written by HomoSapiens

Machiavelli wird auf viele verschiedene Arten interpretiert: Mal soll er Egoismus, ein schlechtes Menschenbild und Rücksichtslosigkeit predigen; mal soll er den Demokratien erklären, was die Mechanismen der Macht sind. Der Autor John P. McCormick sieht Machiavelli im Kontext der politischen Repräsentation und will zeigen, wie Republiken integer bzw. unbestechlich bleiben, wie die Geld- oder Machtelite kontrolliert werden kann oder das „einfache Volk“ vor Machtmissbrauch geschützt werden kann und die Reichen einer größeren Transparenz unterliegen können.

Klassenkampf-Prämisse

Nach McCormick geht Machiavelli davon aus, dass es immer einen Klassenkampf geben muss. Es gibt zum einen die Elite und zum anderen die einfache Masse. Diese unterscheiden sich charakterlich. Die Elite zeichnet sich aus durch das Verlangen, Menschen zu unterdrücken, während das Volk bloß ungestört leben möchte und ganz passiv bleibt, bis es sich bedroht fühlt oder eine Unterdrückung spürt. Womöglich wird durch die sozioökonomische Lage bestimmt, wie sich ein Mensch verhält, aber klar ist das nicht unbedingt.

Machiavelli scheint einige Begriffe aus dem Römischen Reich und aus seiner Zeit synonym bzw. unrichtig zu gebrauchen, und unterscheidet, so McCormick, nicht zwischen erblicher Elite und sozioökonomischer Elite. Es geht Machiavelli vermutlich bloß darum, wie die Menschen, die Macht haben, kontrolliert werden können, wie sie zur Rechenschaft gezogen werden können.

Umgang mit den Klassen

McCormick sieht zunächst, dass sich moderne Republiken von antiken u.a. dahingehend unterscheiden, dass heute institutionell davon ausgegangen wird, dass das Volk eine homogene Masse ist, während bspw. im Römischen Reich schon institutionell zum Ausdruck kam, dass das Volk eben nicht homogen ist.

Es gab im Alten Rom Patrizier (Adel) und Plebejer, also das einfache Volk. Letztere konnten sich in Ständekämpfen mittels Kriegsdienstverweigerungen eine besondere Stellung erkämpfen, da Rom stets in Kriegen verwickelt war und der Adel nicht (alleine) kämpfen konnte. Die Plebs hatten ihre eigenen Volksvertreter, und diese waren mit einem Vetorecht ausgestattet. Sie konnten jede politische Handlung verhindern. Dadurch wurden Gesetzesentwürfe ihnen schon vor Beschluss vorgelegt um ihr Einverständnis schriftlich zu erhalten.

Moderne Republiken gehen davon aus, dass es keine Klassenunterschiede mehr gibt. Alle Stimmen zählen gleich und es gibt natürlich keine offiziellen Institutionen, die nur eine Gruppe von Menschen in der Legislative vertreten. Alle Menschen sind nach modernen Verfassungen gleich – auch gleichermaßen einflussreich.

McCormick meint nun, dass es trotz dieses Ansatzes in den Verfassungen extreme (finanzielle) Ungleichheiten und Machtmissbrauch von Eliten gibt. Und dennoch schützen absurderweise die Verfassungen nicht das Volk vor den Eliten, sondern den die Eliten schützenden Staat vor dem Volk.

Die zahlenmäßig mächtigeren Armen scheinen in der Demokratie nur einen größeren Einfluss zu haben, da – so McCormick – an den Wahlurnen zwar mehr Arme als Reiche abstimmen, aber eben über die Ideen und Programme der Eliten abgestimmt wird. Außerdem wählt man Vertreter unter politischen Eliten aus.

John P. McCormick sieht, dass Machiavelli Buch „Der Fürst“ lehrt, wie man die Masse kontrolliert, während er in den Diskursen zeigt, wie die Masse die Elite kontrollieren kann. Letzteres scheint für McCormick das große Vorbild zu sein: Man solle Volkstribune einrichten und sie zum exklusiven Vertreter der ärmeren Schichten machen. Dazu sollen diese ein Vetorecht in der Legislative haben. Wenn es solche Volksvertreter gibt, die aus den ärmeren Schichten kommen, dann stimmt die Masse des Volkes nicht bloß über die Programme der Reichen ab, wählen nicht nur Vertreter aus der Elite, sondern haben eine wichtige Stimme im Staat, die nicht ungehört bleiben kann.

Fazit

Was bleibt von McCormicks Machiavelli-Interpretation? Nach dieser Lesart will Machiavelli helfen, den Klassenkampf konstruktiv zu gestalten, im Sinne eines stabilen Staates. Die real existierenden Klassenunterschiede sollen nach McCormick sichtbar gemacht und so mehr Gerechtigkeit geschaffen werden. Als eine Illusion verwirft er die Annahme moderner Verfassungen, es gebe eine homogene Volksmasse. Doch könnte man einwenden, warum er das Problem der extremen Vermögensunterschiede nur sichtbar machen möchte und den Ärmeren bloß ein Veto-Recht geben will. Warum will er nicht über Machiavelli hinausgehen und nicht Unterschiede nivellieren statt sie nur sichtbar zu machen? Auch könnte man fragen, an welcher harten Grenze sich entscheiden sollte, wer Volkstribune wählen dürfte – und wer als solcher gewählt werden dürfte.

Literatur: McCormick: Machiavellian Democracy
Artikelbild: Von Christopher Kaetz (Benutzer:Ckaetz) - selbst fotografiert, Bild-frei [gemeinfrei], https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=495520

Student Philosophie und Geschichte der Wissenschaften; Atheist; Autor bislang unbedeutender Literatur; Schopenhauer-Freund; unbetroffen von Politikverdrossenheit; Teilzeit-Wikipedia-Autor; gescheiterter Clown; Läufer; Radler; Hesse; Freund subtilen Humors

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