Was bedeutet „Ausgabe von der letzten Hand“?

Written by HomoSapiens

Bei Gesamtausgaben längst verstorbener Autoren findet sich manchmal der Zusatz „Ausgabe letzter Hand“. Beispielsweise hier: „Goethe Ausgabe letzter Hand 27 Bände 1828 Pappe Goethes Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand.“ Auch noch heute werden regelmäßig Gesamtausgaben veröffentlicht, beispielsweise die fünfbändige Schopenhauer-Gesamtausgabe letzter Hand von Haffmans Verlag bei Zweitausendeins. Im Beibuch dieser Gesamtausgabe werden die Schwierigkeiten dieses Begriffs dargestellt:

mit letzter Hand (gewollt/bewusst) geschrieben oder veröffentlicht?

Das Problem einer Ausgabe letzter Hand scheint auf den ersten Blick keines zu sein: Ein Autor veröffentlicht eine Erstausgabe und wenn diese komplett abverkauft ist (bzw. idealerweise schon davor) bekommt der Autor die Gelegenheit, einige Veränderungen an der Erstveröffentlichung vorzunehmen, um dann eine „verbesserte“ zweite Auflage zu veröffentlichen. Er kann nicht nur Fehler korrigieren, die beim Schreiben, Setzen bzw. Drucken unterliefen, sondern auch noch Wörter, Sätze, Absätze oder ganze Kapitel zur Ergänzung beifügen, wenn die Reaktionen des Publikums dies provoziert haben. Daher gibt es beispielsweise auch bei Richard Dawkins‘ The Selfish Gene bei neueren Ausgaben nicht nur das „Preface to 1976 edition“, sondern neuere Vorworte, die etwa klären, dass der Autor in späteren Jahren seine Meinung zum Namen des Buches geändert habe, weil dieser missverstanden worden sei, oder der Autor ein anderes Bewusstsein bezüglich der Geschlechter entwickelte. Dawkins wollte, dass diese neuen Gedankengänge und der Reifeprozess veröffentlicht wurden. Dies ist sein Wille. Und nun scheint es so, die Ausgabe letzter Hand sollte stets die letzte Ausgabe des Autors übernehmen, also jene Ausgabe, die zuletzt unter der Überwachung und Kontrolle des Autors veröffentlicht wurde, weil damit die neuesten Gedanken und mentalen Entwicklungen sich darin widerspiegeln.

Bei der zuletzt durch einen Autoren veröffentlichten Ausgabe eines Werkes gibt es allerdings mindestens zwei Probleme: Zum einen kann es sein, dass der Autor mit buchstäblich letzter Hand am Manuskript einer späteren Ausgabe gearbeitet hatte, er diese aber nicht fertigstellen konnte. Vielleicht sollten spätere Herausgeber dies ignorieren. Was aber, wenn das letzte Manuskript in der Arbeit weit fortgeschritten ist und dazu eine größere Veränderung zu vorherigen Editionen aufweist?

Zum anderen gibt es das deutlich gravierendere Problem, dass der Wille des Autors möglicherweise stark davon abweichen könnte von dem, was tatsächlich veröffentlicht wurde.  Etwa kann bezweifelt werden, ob ein Autor wirklich das gedruckte Wort schreiben und gedruckt sehen wollte, oder ob dem Inhalt nach eher ein anderes Wort hätte gewählt werden müssen. Dies ist besonders bei einem Philosophen wie Schopenhauer schwierig zu bewerten, wenn die gedruckte Wortwahl angezweifelt wird, aber der Inhalt sich dadurch stark verändert.

Schopenhauer ist bekannt dafür, dass er Setzer und Verleger heftigst gewarnt hatte, auch nur ein Zeichen an seinem Werk zu verändern. Doch auch ihm konnten Fehler unterlaufen. Auch wenn es schwierig zu bewerten ist, ob Arthur Schopenhauer mal eher „demnach“ als „dennoch“ hätte schreiben wollen, wenigstens einige Inkonsistenz in der Orthographie kann auch bei Schopenhauer erkannt und angeprangert werden. Es scheint auch nicht wahrscheinlich, dass Schopenhauer in seinem Werk unterschiedliche Schreibweise ein und desselben Wortes haben wollte.

Das wirft die Frage auf, ob spätere, posthume Veröffentlichungen dies zu korrigieren haben. Wie die Schopenhauer-Gesamtausgabe 2006 von Haffmans Verlag bei Zweitausendeins schreibt, muss jede posthume Gesamtausgabe aufpassen, nicht „sinngemäß“ die Worte des Autors wiederzugeben, und sich dabei an die Stelle des Autors zu setzen, was – laut dieser Gesamtausgabe – bei allen(!) vorherigen Schopenhauer-Gesamtausgaben geschehen war.

Fazit

Theoretisch ist klar, was „Ausgabe letzter Hand“ bedeutet. Doch gibt es gute Gründe, nicht an allem festzuhalten, was wirklich zuletzt vom Autor oder der Autorin veröffentlicht wurde: Es können beim Druck und sogar schon beim Schreiben Fehler geschehen. Eine neue Veröffentlichung muss Abweichungen vom veröffentlichten Original allerdings transparent machen, weil jede posthume Neuveröffentlichung auch eine Abweichung von dem Willen des Autors sein kann, also eine neue Interpretation. Was dagegen die unvollständigen Manuskripte betrifft: Diese kann man einfach transkribiert (wenn nötig) veröffentlichen, wenn der Autor dies gewünscht hatte; oder man nutzt sie für die Sekundärliteratur zur Auslegung der veröffentlichten Werke.

Artikelbild bearbeitet, ursprünglich: C0 (Gemeinfrei) von helloquence - https://unsplash.com/photos/OQMZwNd3ThU
Literatur: Schopenhauers Werke in fünf Bänden. Beibuch zur Schopenhauer-Ausgabe, 2006 Frankfurt.

Student Philosophie und Geschichte der Wissenschaften; Atheist; Autor bislang unbedeutender Literatur; Schopenhauer-Freund; unbetroffen von Politikverdrossenheit; Teilzeit-Wikipedia-Autor; gescheiterter Clown; Läufer; Radler; Hesse; Freund subtilen Humors

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