Haben meine Mitmenschen Gefühle und Gedanken?

Written by HomoSapiens

Dass man selbst Gedanken oder Gefühle hat, stellt man für sich selbst kaum infrage. Man weiß in der Regel über sich selbst, dass man denkt (Descartes) und auch, dass man immerzu etwas will (Schopenhauer). Doch wie kann man wissen, ob andere Menschen auch Gedanken oder Gefühle haben? Sind das vielleicht nur Maschinen oder so etwas wie nicht-menschliche Tiere? Kann man überhaupt sicher wissen, dass es nicht nur meine Gedanken und Gefühle gibt? Das ist das Problem des Fremdpsychischen.

Problem des Fremdpsychischen

Die erste Frage dieses Problems ist eine erkenntnistheoretische Frage: Unmittelbar kann man nur die eigenen Gedanken und Gefühle erleben. Epistemisch ist das Fremdpsychische also ein Problem, weil wenigstens empirisch kein direkter Zugang vorhanden ist – wie die meisten Philosophen wenigstens meinen. Es bliebe dann allerdings noch theoretisch die Möglichkeit, logisch Fremdpsychisches zu beweisen.

Wenn erkenntnistheoretisch weder die Empirie noch die Logik zum Ergebnis führen, dass man von Fremdpsychischem ausgehen kann, bleibt wohl nur die Wahl zwischen Pragmatismus, Kohärentismus, Schluss auf die beste Erklärung (Abduktion) oder der Solipsismus. Der Pragmatismus meint, dass man bloß zu zweifeln hat, wenn etwas nicht funktioniert. Man hält an Wahrheiten solange fest, wie sie funktionieren. Also darf man von Fremdpsychischem ausgehen, wenn diese Annahme nützt bzw. sich im Alltag bewährt. Der Kohärentismus bestreitet, dass es ein festes Fundament für Wissen gibt und nimmt als wahr an, was durch ein konsistentes und darüber hinaus kohärentes Netz von Aussagen gestützt wird. Wenn unsere Erfahrungen der Annahme, dass es andere Wesen mit Gedanken und Gefühlen gibt, nicht widersprechen und vielleicht sogar öfters stützen, dürfen und sollten wir davon ausgehen, dass es nicht nur unsere Gedanken und Gefühle gibt. Der Schluss auf die beste Erklärung erfolgt hingegen als eine Prüfung aller möglichen Erklärungsmöglichkeiten für unsere Erfahrungen oder Fragen. Wenn wir das Verhalten anderer Menschen erklären wollen, können wir überlegen, ob sie nach festen Algorithmen funktionieren wie Kaffeemaschinen oder vielleicht etwas komplexer sind, oder vielleicht sogar Gefühle haben. Vielleicht ist letztere Erklärung die beste und wir können mit Rückgriff auf unsere Denkmuster und Erfahrungen auch die Handlungen anderer Menschen erklären und sogar vorhersagen. Mit dem Solipsismus ist man davon überzeugt, dass man alleine in der Welt ist.

Die zweite Frage des Fremdpsychischen ist die nach der Herkunft unserer psychischen Begriffe – besonders über unsere Gefühle. Woher wissen wir, was es heißt, zu sagen „Ich habe Schmerzen“? Haben wir diese Begriffe gelernt – und wenn ja, haben wir sie auch richtig gelernt? Wenn Menschen einem Kind erklären, was Schmerzen sind, wie kann es ohne diese Begriffe ebendiese einem Gefühl zuordnen, und dann auch dem richtigen Gefühl?

einige Lösungsansätze zum Problem des Fremdseelischen

Handelt es sich bei der Aussage „Ich habe Schmerzen“ um Schmerzverhalten? Sind also Gefühle nichts anderes als ein Verhalten, das von außen beobachtbar ist? Wenn man dies bejaht, dann hat man – als Behaviorist – einen guten Zugang zur Gefühlswelt anderer Menschen. Der Zugang ist zwar auch noch nicht unmittelbar, aber dennoch gut.

Von etwas weniger Sicherheit bei der Erkenntnis von psychischen Zuständen als die Behavioristen gehen beispielsweise Mill und Russell aus. Sie haben Analogieschlüsse, mit denen sie auf die Psyche anderer Wesen schließen. Mill meint, bei ihm selbst gibt es regelmäßige Folgen aus Modifikationen seines Körpers (A), Bewusstseinszuständen (B) und äußerliches Verhalten (C), also beispielsweise reagiert er auf physische Einwirkungen (A) von außen mit einer von außen sichtbaren Reaktion (C), wobei zwischen dem Input und dem Output bei ihm Gedanken oder Gefühle (B) sind. Bei anderen Menschen kann er Gedanken oder Gefühle nicht wahrnehmen, aber wenigstens sieht er, wie Dinge auf andere Menschen einwirken (A) und er sieht, wie diese Menschen sich daraufhin verhalten (C). Er schließt sodann von der Kausalkette A-B-C, die er in sich erkennt, und dem Input A und Output C anderer Menschen auf das Zwischenglied B bei anderen Menschen. Laut Mill zeigt sich empirisch, dass sich Menschen immer wieder so  verhalten, wie es von ihnen zu erwarten ist, wenn sie Bewusstseinszustände haben wie er.

Das Problem des Fremdpsychischen kann man auch verwerfen, wie es Schopenhauer macht. Zwar meint er, dass die ganze Welt die eigene Vorstellung ist, aber zugleich meint er auch, dass die Welt auch aus dem universalen Willen besteht, und jeder Mensch bloß eine Individuation des Willens ist. Schopenhauer bestreitet die Existenz anderer Menschen nicht. Wer ernsthaft ein Solipsist ist, also ein Anhänger des theoretischen Egoismus, der gehört für ihn ins Tollhaus und anstelle handfester Beweise benötigt dieser eher eine Kur. Beweisen kann man lt. Arthur Schopenhauer nicht, dass man nicht alleine ist in dieser Welt, aber beschäftigen braucht man sich mit dem Solipsismus auch nicht: „[…] so werden wir, die wir eben deshalb durch Philosophie die Schranken unserer Erkenntniß zu erweitern streben, jenes sich uns hier entgegenstellende skeptische Argument des theoretischen Egoismus ansehen als eine kleine Gränzfestung, die zwar auf immer unbezwinglich ist, deren Besatzung aber durchaus auch nie aus ihr herauskann, daher man ihr vorbeigehen und ohne Gefahr sie im Rücken liegen lassen darf.“ (§19 WI).

Dennoch ignoriert Schopenhauer das Problem des Fremdpsychischen nicht ganz: Erstens meint er, dass der eigene Körper auf zweierlei Weisen zu erkennen ist, als eine Vorstellung (von außen) und als ein Wille (von innen). Die anderen Menschen sind hingegen nur von außen als Vorstellungen wahrnehmbar. Mittels einer kurzen Analogie schließt er dann darauf, dass die anderen Menschen im inneren auch einen Willen haben. Zweitens meint Schopenhauer, dass Mitleid das unmittelbare  Mitfühlen am Leid anderer Menschen ist. Das gilt nicht bloß für menschliche Tiere: „[…] er erkennt, unmittelbar und ohne Schlüsse, daß das Ansich seiner eigenen Erscheinung auch das der fremden ist, nämlich jener Wille zum Leben, welcher das Wesen jeglichen Dinges ausmacht und in Allem lebt; ja, daß dieses sich sogar auf die Thiere und die ganze Natur erstreckt: daher wird er auch kein Thier quälen.“ (§66 WI) Demzufolge wäre es überhaupt nicht notwendig, von einem Problem des Fremdpsychischen zu reden. Durch das Leid anderer Menschen, das man unmittelbar und ohne Schluss erkennt, weiß man um die Existenz fremder Gefühle. Man könnte vielleicht einwenden, woher man weiß, ob dass eigene Mitleid wirklich auf fremdes Leid zurückzuführen ist, da man ja weiter bloß das eigene Leid selbst spürt. Selbst dann kann man allerdings einfach pragmatisch sein und so weiterleben wie zuvor – wenn es funktioniert.

Fazit

Gerade dieses philosophische Problem ist eines, welches jeder Mensch für sich selbst und alleine – im Zweifel ganz alleine – zu bedenken und zu entscheiden hat. Vielleicht finden sich Menschen, die dieses Problem als ein solches auch im Alltag anerkennen aber tatsächlich weniger unter den Philosophen als unter den Irren – wodurch es weniger ein philosophisches als ein psychologisches Problem zu sein scheint.

Artikelbild: eigene Grafik, CC-BY affenspass.de

 

Student Philosophie und Geschichte der Wissenschaften; Autor bislang unbedeutender Literatur; Schopenhauer-Freund; unbetroffen von Politikverdrossenheit; Teilzeit-Wikipedia-Mitarbeiter; gescheiterter Clown; Läufer; Radler; Hesse

Comments: 1

  1. DALE JAQUETTE: „The trouble is that Schopenhauer is no mad solipsist“ Schopenhauer Jahrbuch 2007, 165

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