Düster beschrieb Johanna Schopenhauer ihrem Sohn 1807, wie es ihm ergehen würde, wenn er anstelle der Kaufmannslehre in Hamburg zunächst zur Schule und danach auf die Universität ginge, um Schriftsteller bzw. Wissenschaftler zu werden: „[…] die Aussicht auf 5, 6 Jahre sehr anstrengende[] Arbeit, entfernt von glänzenden Vergnügungen, und dann am Ziele ein mäßiges, arbeitsvolles Leben, ohne Glanz im Stillen, ungenannt vielleicht, nur durch das Streben und Erringen des Besseren erheitert, […] du wirst nie reich genug seyn von deinen Renten alleine zu leben“[1] Sowohl Glanz als auch Bekanntheit seines Namens kamen jedoch noch 1853[2], sodass seine Nachbarn 1859 wussten, warum er sich nicht Doktor Schopenhauer nannte: „Ihm genügt sein Name, er weiß, daß kein Titel der Welt dem Namen Arthur Schopenhauer gleichkommt!“[3] Schopenhauer hatte auf diesen Moment Jahrzehnte warten müssen; sein Hauptwerk, an dem er im Laufe seines Lebens nur noch Ergänzungen vornahm, war bereits im Alter von 30 Jahren, im Jahre 1818, fertig; und seine Laufbahn als Philosophie-Dozent an der Universität war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte.

Obwohl Schopenhauer ab 1820 Vorlesungen für mehr als 20 Semester anbot, fand seine Vorlesung „über die gesamte Philosophie“ nur in einem einzigen Semester statt – es mangelte ihm an Studenten. Auch musste Schopenhauer sich lange gedulden für eine zweite Auflage seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von 1818: Schon 1821 verfasste er einen Entwurf für eine Vorrede zur einer zweiten Auflage, allerdings verkauften sich diese Exemplare zu schlecht, dass erst 1844 eine zweite Auflage gedruckt werden konnte.[4] Bei allem Ruhm, den Schopenhauer in seinen letzten 7 Lebensjahren noch erleben durfte, und bei dem wesentlich größeren Ruhm, der in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts noch folgte, stellt sich die Frage, warum es dieser Philosoph nicht geschafft hatte, an der Universität Erfolg zu haben. Dieser Frage widmet sich die vorliegende Arbeit. Dazu wird zunächst Bourdieus Habitus- und Feldtheorie für diese Untersuchung dargelegt, um dann mit ihr sowohl die akademische Philosophie seiner Zeit als auch Schopenhauers Ressourcen zu analysieren. Schließlich folgt noch eine Betrachtung Schopenhauers, welche wiederum mit Bourdieu reflektiert wird.

Inhalt:

Methode

Pierre Bourdieu ordnete die wissenschaftlichen Praktiken und die wissenschaftliche Gemeinschaft in sein strukturalistisches Denksystem von Feldern ein und analysierte darauf das wissenschaftliche Feld. Die Begriffe und Beziehungen Bourdieus sind geeignet zur Untersuchung Schopenhauers (Miss-) Erfolg in der Wissenschaft, da sie die verschiedenen Ressourcen von Akteuren einbeziehen und zugleich den größeren Rahmen nicht außer Acht lassen.

Feld- und Habitustheorie Bourdieus

Zunächst sind nach Bourdieu soziale Felder Bereiche, in denen Akteure ihre Position stets verbessern wollen und dabei alle ihnen zur Verfügung stehende Ressourcen einsetzen. Akteure wollen zu Geltung, Anerkennung und Einfluss kommen und dafür allem, was sie ausmacht, zu Geltung verhelfen. Dazu kann es nötig sein, das Feld oder die Regeln des Feldes zu verändern. Ein Feld endet, wo die Kräfte und Regeln des Feldes nicht mehr wirken bzw. wo die Erklärungskraft dieses wissenschaftlichen Konstruktes für das Verhalten der Akteure nachlässt. Felder unterliegen ständigen Kämpfen um Positionen innerhalb des Feldes, während die Illusion vorherrscht, es gehe ausschließlich um ein bestimmtes Feldinteresse, welches es wert ist, dafür zu arbeiten oder Geltung in diesem speziellen Feld erlangen zu wollen.[5]

Solche Felder sind beispielsweise politische, ökonomische und kulturelle Felder, die man jeweils wieder in Subfelder unterteilen kann. So kann man von einem globalen politischen Feld sprechen, wie auch von nationalen, oder regionalen politischen Feldern, in denen jeweils das Interesse dem Wohl der Öffentlichkeit auf dem entsprechenden geografischen Gebiet gilt. Die Akteure auf dem Feld unterliegen zwar der Illusion, es ginge ausschließlich um das Feldinteresse, wie etwa um das Wohl der Bevölkerung in der geografischen Einheit, obgleich das Interesse aller Akteure zumindest darüber hinausgeht und sich um die jeweils eigene Position auf dem Feld erweitert. Dabei ist es unerheblich, ob der Akteur eine Einzelperson oder eine Institution ist.

Das Verhalten des Akteurs wird von der Position im Feld bestimmt, welche wiederum vom Kapital des Akteurs bestimmt ist. Bourdieu verwendete den Begriff Kapital nicht bloß für ökonomisches Kapital, wie Finanz- oder Realkapital (Fabrikgebäude oder Maschinen[6]), sondern darüber hinaus auch für alles von Wert, was eingesetzt werden kann, um andere Kapitalformen zu erlangen, auch um die Position auf einem Feld zu verbessern. Zu Kapital gelangen Akteure durch ehrliche, harte Arbeit, Zufall, Gewalt oder auch mit Leichtigkeit.[7] Zum ökomischen Kapital eines Akteurs gehören Finanzmittel, Immobilien, Produktionsmittel und Ähnliches. Das soziale Kapital besteht aus Qualität und Quantität von sozialen Beziehungen. Das kulturelle Kapital machen zum Teil auch materielle Besitztümer, sofern sie von höherem kulturellen Wert sind, wie Gemälde oder Antiquitäten, aus, wie man sie ebenso dem ökonomischen Kapital zurechnen könnte, hauptsächlich jedoch Zeugnisse, Zertifikate, Titel und inneres kulturelles Kapital wie Fähigkeiten und Ausdrucksweisen aus. Zum inneren kulturellen Kapital prägte Bourdieu den Begriff Habitus. Damit sind erlernte Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen gemeint: Sowohl das Selbstverständnis als auch Gewohnheiten, Wissen von sozialen Konventionen (Regeln) eines Milieus (Feldes) und Fähigkeiten fallen unter diesen Begriff.[8] Der Habitus setzt dem sozialen Akteur unsichtbare Grenzen, die innerhalb des Akteurs selbst zu finden sind: Er beinhaltet die Grenzen von Vorstellungskraft und Vertrautheit mit feldspezifischen Situationen, die durch seine bewusste Erziehung wie auch durch die unbewusste Aufnahme bzw. Nachahmung von Denk-, Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen aus dem sozialen Umfeld der Kindheit sich in ihm gefestigt haben.

Neben diesen drei genannten Kapitalsorten (ökonomisch, sozial und kulturell) führte Bourdieu noch das symbolische Kapital ein, unter welches Ehre, Rang und Name/Herkunft fallen. Als fünfte Kapitalart nannte er feldspezifisches Kapital, welches nur in einem speziellen Feld zu gebrauchen ist, und ebenda notwendig zum Agieren auf dem Feld ist. Diese verschiedenen Kapitalsorten sind in teilweise ineinander übersetzbar, wenigstens kann der Besitz eines Kapitals nützlich beim Erwerb anderen Kapitals nützlich sein: Schwerlich bestreitbar fällt es mit Geld (ökonomischem Kapital) einfacher, Gemälde in den eigenen Besitz zu bringen (kulturelles Kapital), sich zu bilden (kulturelles Kapital), soziale Beziehungen aufzubauen oder zu erhalten (soziales Kapital) wie einem auch mehr an Rang zukommen kann (symbolisches Kapital), da, wie Schopenhauer weiß, „Geld allein […] das absolut Gute [ist]: weil es nicht bloß EINEM Bedürfniß in concreto begegnet, sondern DEM Bedürfnis überhaupt, in abstracto.“(PI, 345). Doch funktioniert dies auch anders herum: So brauchte der an ökonomischem Kapital arme Georg Wilhelm Friedrich Hegel eine Professur, wenigstens aus ebendiesen Gründen, doch auch um sich weiterhin der Philosophie hauptberuflich widmen zu können. Hegel konnte nicht auf viel zurückgreifen, um eine Professur zu erhalten, doch er hatte zumindest was den Nutzen betrifft eine hohe Qualität an sozialen Beziehungen und so wurde er durch Sympathie und Vermittlung Goethes 1805 außerordentlicher Professor.[9] Von diesem erhielt Hegel darüber hinaus auch direkt finanzielle Mittel.[10] Wie soziale Beziehungen sich so finanziell, symbolisch (Ruhm/Rang) und feldspezifisch (akademische Philosophie) ausgezahlt haben, so geht man und ging man auch davon aus, dass sich (formelles) kulturelles Kapital auch positiv auf ökonomisches Kapital auswirken kann (falls der richtige Bildungsweg eingeschlagen wird): So empfahl Johanna Schopenhauer ihrem Sohn 1807 Mediziner, Jurist oder Kaufmann zu werden, falls er vermögend werden wollte.[11]

Obwohl Bourdieu mit seinem Habitus-Begriff und den Kausalbeziehungen Kapital -> Feldposition und Feldposition -> Verhalten ungewollt ein deterministisches Weltbild zeichnet, gestand er sozialen Akteuren doch zu, mit harter Arbeit den eigenen Habitus bewusst zu verändern und weniger determiniert zu sein.[12] Allerdings stellt sich hierbei notwendig die Frage, ob es dazu nicht auch einiger Disziplin bedarf, welche man wiederum unter dem kulturellen Kapital zu subsumieren hätte. Bourdieu selbst war es vermutlich das größte Anliegen, aus seiner provinziellen Herkunft nicht schon eine akademische Endstation ableiten zu müssen; dementsprechend musste seine Theorie sozialen Akteuren wenigstens so viel Spielraum lassen, dass sie beispielsweise bewusst den Wechsel von einem eher restringierten hin zu einem elaborierten Vokabular vornehmen.

Wissenschaftsfeld

Das Feld der Wissenschaften unterscheidet sich nicht grundsätzlich von anderen Feldern, wie politischen oder literarischen Feldern: Es geht jedem Akteur um die Verbesserung der eigenen Position auf dem Feld. Dies wird erreicht durch die Akkumulation von Kapital. Das feldspezifische Kapital im Wissenschaftsfeld ist wissenschaftliches Kapital. Dabei ist nach Bourdieu zu unterscheiden zwischen höherwertigen und einem minderwertigen Wissenschaftskapital. Ersteres schwerlich zu unterscheiden vom symbolischen Kapital, besteht das höherwertige, reine Wissenschaftskapital doch aus Ruhm, Ehre, Reputation oder Ruf (möglichweise quantifizierbar mittels des Hirsch-Faktors). Letzteres ist das von Bourdieu geringer geschätzte institutionalisierte Wissenschaftskapital, welches aus formeller Macht mittels Amt und Institution besteht. Später ist Bourdieu dazu übergegangen, von streng wissenschaftlichem und sozialem Wissenschaftskapital zu sprechen, wobei das streng wissenschaftliche den rein wissenschaftlichen Anerkennungen entspricht und das soziale Wissenschaftskapital dem o.g. institutionellem. Hierbei stellte er fest, dass soziales Wissenschaftskapital in einem Wissenschaftsfeld weniger von streng wissenschaftlicher Anerkennung abhängt, je weniger autonom es ist. Im Gegensatz zur Autonomie einzelner Akteuren sah Bourdieu geringere Schwierigkeiten bei der Autonomie von Feldern: Je geringer die politische, rechtliche und ökonomische Abhängigkeit eines Wissenschaftsfeldes ist, desto autonomer ist es[13], und entsprechend wahrscheinlicher ist die Besetzung von Posten und Ämtern in wissenschaftlichen Institutionen mit streng wissenschaftlich anerkannten Akteuren.[14]

Aus streng wissenschaftlicher (fachlicher) Autorität wird gewöhnlich auch soziale (institutionelle) Autorität, allerdings wirkt letztere nicht selten deutlich länger als erstere dazu berechtigen würde. Dies nannte Pierre Bourdieu Degenerierung. Diejenigen auf dem Feld, die am reichsten an Kapital sind, bestimmen mit ihren Methoden und Theorien das Feld, die Doxa, welche nicht hinterfragt wird, und als natürlich angenommen wird, obgleich an ihr Willkür anhaftet. Die Platzhirsche bzw. Alten mit dem Kapital auf dem Feld verteidigen ihre Stellung und alles, was ihnen selbst Geltung verschafft. Für sie ist es wichtig, dass ihre Ressourcen die feldspezifisch entscheidenden sind und bleiben.[15] Die Jungen, bzw. Neuen auf dem wissenschaftlichen Feld haben das feldspezifische Kapital in deutlich geringerem Maße. Ihnen schrieb Bourdieu zwei mögliche Strategien zu: Sie können sich den Alten und ihren Methoden und Theorien affirmativ verhalten und den risikoärmeren Weg gehen, die Nachfolge anzustreben, oder sie können subversiv agieren und in Opposition zu ihren Methoden und Theorien gehen, wie auch in Opposition zu denjenigen, welche die Alten nacheifern, um ihre Feldposition zu erben.[16] Zum Repertoire der Strategien gehört auf dem Feld der Wissenschaften auch das Arbeiten mit Symbolen: Symbole sind Repräsentationen oder Stellvertreter für andere Entitäten, die allerdings nicht notwendig existieren müssen: So zeigt man mit Symbolen Status an, besonders wenn man sich einer gehobenen Sprache bedient, die Terminologie der Wissenschaften nachahmt und dadurch mehr darstellt, als fachlich gerechtfertigt ist. Inszenierungen und Heuchlerei gehören dazu. Wissenschaftliche Auseinandersetzungen beinhalten immer individuelle Interessen.[17]

Neben den o.g. zwei Formen des Wissenschaftskapitals unterschied Bourdieu zwischen verschiedenen Hierarchie und Machtformen: Die universitäre Macht besteht aus der Verfügungsgewalt über Instrumente zur Reproduktion der universitären Struktur, also aus der Mitgliedschaft in entscheidenden Gremien, wie in Prüfungskommissionen, oder aus der Berechtigung zur Betreuung von Doktoranden. Eine Hierarchie bilden Ranglisten nationaler und internationaler Reputation, hier sind Nennungen in Zeitschriften nach Bourdieu ein guter Indikator, wobei lt. Bourdieu die internationale Reputation von größerer Bedeutung ist – jedem Akteur ist die Rangliste die bessere, welche dem Akteur am meisten Geltung verschafft. Schließlich folgt noch die intellektuelle Prominenz, die über das Feld der Wissenschaft hinausragt, aber besonders für Philosophen bedeutend ist: So verfügten die intellektuellen Heroen Foucault und Derrida über eine große Prominenz, aber über wenig universitäre Macht.[18]

Schopenhauer und das philosophische Feld 1820-1833

Von Interesse sind für die Frage nach dem Erfolg Schopenhauers insbesondere die Jahre 1820 bis 1833, also ab Schopenhauers Habilitation bis zur endgültigen Übersiedlung nach Frankfurt und dem Ende seiner akademischen Lehrversuche. Hierfür ist das Feld der akademischen Philosophie darzustellen. Um jedoch auch darzulegen, welches Kapital Schopenhauer zur Verfügung hatte, ist es notwendig, noch einige Jahre in Schopenhauers Kindheit und Jugend zurückzugehen.

Philosophie in Deutschland um 1820

Exemplarisch sind Regeln und Rahmenbedingungen der Universitätsphilosophie darstellbar an der Karriere Hegels, welcher etwa 20 Jahre vor Schopenhauers erster Vorlesung selbst Privatdozent geworden ist. Nach Abschluss seines Studiums der Evangelischen Theologie, während welchen er Zimmergenosse Friedrich Hölderlins und Friedrich Wilhelm Joseph Schellings gewesen war, arbeitete er als Hauslehrer in Bern und Frankfurt und exzerpierte unzählige Bücher und Zeitungen.[19] Als es die finanziellen Mittel erlaubten, reiste Hegel nach Jena, um beim 16 Jahre älteren Schelling, welcher 1798 mit Hilfe Goethes zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, um bei ihm zu wohnen und schließlich in seinem Fahrwasser Karriere zu machen.[20] Hegel begann, schriftlich produktiv zu werden, wurde 1801 habilitiert und durfte ab dem Wintersemester 1801/02 Vorlesungen halten. Er stellte sich auf die Seite Schellings und gegen Fichte, dessen Autorität mit Schellings Aufstieg abnahm. Auf Widerstand stieß Hegel in Jena dadurch, dass er sich an Mithabilitanten vorbeischieben und seine akademische Karriere sobald als möglich beginnen wollte.[21] Doch hatte er Erfolg, da die für die Einkünfte eines damaligen Privatdozenten wichtige Zahl der Hörer stieg und auch der Einfluss der zusammenhaltenden Württemberger an der Universität wuchs.[22] Wenige Tage nach seiner Habilitation, noch vier Jahre bevor er eine Professur erhielt, wurde er schon beim weimarischen Minister Goethe vorstellig. Da Hegel Newtons Gravitationslehre hatte ad absurdum führen wollen, war er ein Freund Goethes, welcher mit seiner Farbenlehre sich gegen Newton stellte. „Nichts hätte dem neuen Privatdozenten, der für den weimarischen Minister später zum ‚lieben Hegel‘ wird, gelegener sein können als eine Übereinstimmung mit Folgen für die Farbenlehre. Denn nirgendwo ist Goethe empfindlicher als hier. Wer seinen Anschauungen Natur, insbesondere seiner Farbenlehre, nur im entferntesten zu nahe tritt oder auch nur den Hauch einer Befürchtung weckt, es tun zu können, wird von ihm für alle Zeit fallengelassen.“[23] So konnte Hegel 1805 eine außerordentliche Professur antreten, da er über soziales Kapital verfügte und es klug genug gebrauchte: Die Gunst Goethes, um die er aktiv geworben hatte[24], und Schellings verhalf ihm zur Professur.[25]

Die Beliebtheit bei Studenten sicherte sich Hegel durch das intensive Eingehen auf Fragen aus der Studentenschaft und mit steigenden Studentenzahlen wuchs auch seine Autorität, sowohl sozial als auch streng wissenschaftlich.[26] So scheint Hegels Bedeutung um 1820 kaum zu überschätzen zu sein: „[Hegels] Herrschaft über das Denken seiner Zeit war von imperialer Großartigkeit, und der Rückschlag, der sehr bald nach seinem Tode (1831) eintrat, bewies nochmals die Macht des geistigen Reiches, das er beherrscht hatte […]“[27]. Auch in Briefen an Schopenhauer wird Hegel als „der große Gott“ bezeichnet[28], der schon vielen anderen zu Professuren verhalf.[29]

Dass es Hegel trotz seiner Bekanntheit und seines Einflusses noch 1822 an ökonomischen Kapital mangelte[30], war bei der Größe seines wissenschaftlichen Kapitals kein langanhaltendes Problem, da, wenn auch nicht unbegrenzt, verschiedene Kapitalsorten ineinander übersetzbar sind: Hegel wandte sich an den preußischen Kultusminister Karl Freiherr vom Stein zum Altenstein, um vom preußischen Staat ein zusätzliches Gehalt zu beziehen.[31] Er argumentierte, dass er durch seine Lehrtätigkeit wenig Zeit zum Schreiben von Büchern hat und somit auf viele Einnahmen verzichtet; in seiner Lehrfunktion ist er allerdings auch für den preußischen Staat wichtig, da durch ihn die Jugend sich nicht gegen die Monarchie wendet. Damit wurde Hegel 1822 über das nicht sehr autonome wissenschaftliche Feld hinaus zum Staatsphilosophen und blieb bis zu seinem Tod der intellektuelle Hero.

Geholfen hatte Hegel dabei auch die Stimmung, die am Anfang des 19. Jahrhunderts vorherrschte: die positiv fortschreitende Geschichtsschreibung Hegels wurde gestützt durch die allgemeine positive Interpretation der geschichtlichen Ereignisse; die französische Revolution lag nicht lange zurück, die Koalitionskriege und die Erfolge in der Wissenschaft waren präsent.

Schopenhauers Kapital

Soziales Kapital

Nach dem Tod seines Vaters, Heinrich Floris Schopenhauer, 1805 begab sich Schopenhauers Mutter, die bekannte Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, nach Weimar, um die Nähe intellektueller Größen zu suchen.[32] Sie knüpfte schnell gute Kontakte und wurde eine gute Freundin von Goethe. Er vertraute ihr, fühlte sich bei ihr wohl und schätzte sie sehr.[33][34] So wurde Goethe für Schopenhauers Schwester so etwas wie ein Vater.[35] Johanna Schopenhauer wurde der Mittelpunkt eines illustren Kreises, der in Deutschland seinesgleichen suchte.[36] Sie wusste, dass dieser Zirkel auch für ihren Arthur bedeutend sein könnte.[37]

Schließlich kommt es 1814 auch dazu, dass Arthur Schopenhauer Aufmerksamkeit von Goethe geschenkt bekommt, da Goethe noch immer Verbündete für seine und gegen Newtons Farbenlehre suchte. Darauf entstand ein enger Kontakt zwischen ihnen[38], der allerdings nicht lange anhält. Schopenhauer verehrte Goethe zwar, wie an unzähligen Zitationen seiner Werke in seinen Werken sichtbar wird und auch an direkten Erwähnungen Goethes: „Dilettanten, Dilettanten! – so werden Die, welche eine Wissenschaft, oder Kunst, aus Liebe zu ihr […] treiben, mit Geringschätzung genannt von Denen, die sich des Gewinnes halber darauf gelegt haben; weil SIE nur das Geld delektirt, das damit zu verdienen ist.“ (PII, 426) und „So war denn auch Göthe ein Dilettant in der Farbenlehre Darüber hier ein Wörtchen! […] daß Schicksal der Göthe’schen Farbenlehre ein schreiender Beweis entweder der Unredlichkeit, oder aber der völligen Urtheilslosigkeit der deutschen Gelehrtenwelt ist[…]“ (PII, 427)

Über Goethes in der Gelehrtenwelt erfolglose Farbenlehre wusste Schopenhauer viel Gutes zu sagen, jedoch belehrte der 26 Jahre alte Schopenhauer den 66 Jahre alten und europaweit berühmten Goethe[39], was jener möglicherweise nicht besonders gut vertrug, und sah seine eigene Farbenlehre als eine Veredelung von Goethes Werk.[40] Schopenhauer war sich darauf sicher, Goethe habe sich angegriffen gefühlt und stellte klar, dass er sein größter Bewunderer sei – auch wenn Goethe womöglich mehr am Rechthaben interessiert sei.[41] Der Kontakt nahm dann stark ab, da die Differenzen, insbesondere bei der Farbenlehre, zu groß sind. Goethe schätzte Schopenhauer weiterhin[42] und umgekehrt sowieso.

Die Bekanntschaft zu Goethe nutzte er für seine Italienreise 1818/19; er bat um Empfehlungsschreiben für interessante Bekanntschaften in Italien und um Reiseliteratur.[43] Allerdings hatte Schopenhauer den Kontakt nicht in dem selben Maß genutzt, wie es Hegel oder Schelling etwa 20 Jahre vor ihm taten. Selbst außerhalb von Weimar, wo Goethe als Minister auch eine institutionelle Autorität hatte, hätte diese intellektuelle Prominenz Einfluss gehabt. Doch abgesehen von einer Bitte um Hilfe bei der Veröffentlichung seiner eigenen Farbenlehre gibt es kaum nachweisliche Bitten um Unterstützung bei Schopenhauers Karriere. Vielleicht wäre es hierzu auch nötig gewesen, Goethe weniger belehren zu wollen und ihn nicht aufzuregen, wie er es unter anderem 1819 tat.[44]

Wie hinlänglich bekannt ist, war Schopenhauers Verhältnis zu Hegel, welcher wie o.g. vielen zu Professuren verhalf, nicht besonders gut, sodass er Hegel nicht zu seinem sozialen Kapital zählen konnte – doch dazu an anderer Stelle mehr.

Auf soziales Kapital legte Schopenhauer praktisch keinen Wert. Dagegen betonte er regelmäßig, wie wenig ein großer Kopf, „ein Mensch par excellence“(PI, 419), Mitmenschen benötigt. Nur der intellektuell stumpfen Menschen Unfähigkeit, sich selbst zu ertragen in der Einsamkeit, in welcher man von sich am meisten und von anderen am wenigsten hat, erzeugt ein Bedürfnis nach äußerlichen Erregung (PI, 418f.). Darüber hinaus gibt es auch nach Schopenhauer Bedürfnisse nach Mitmenschen, unabhängig von der geistige Größe eines Menschen. Dies drückte er in seiner Stachelschweinparabel aus. Zu einem gewissen Grad braucht man Mitmenschen und man sollte daher so viel Nähe zu anderen Menschen haben wie nötig, allerdings so wenig wie möglich (§396 in PII, 559).

Ökonomisches Kapital

Erbschaften von seinem Vater und seinem Onkel machten aus Schopenhauer einen wohlhabenden Menschen: Übertragen in die heutige Zeit kann man von einem ererbten Vermögen in Höhe von 1.575.000 Euro rechnen.[45] Zieht man dazu noch in Betracht, dass Schopenhauer seriös und bescheiden mit seinem Reichtum umging, so darf man davon ausgehen, dass er nie für Geld arbeiten musste.

Er war vor dem Studium einige Jahre in einer Kaufmannslehre und wusste: „Leute hingegen, welche ererbtes Vermögen besitzen, wissen wenigstens sogleich, was das Kapital und was die Zinsen sind. Die Meisten werden daher jenes sicher zu stellen suchen, keinesfalls es angreifen, ja, wo möglich, wenigstens 1/8 der Zinsen zurücklegen, künftigen Stockungen zu begegnen.“ (PI, 345) Auch verteidigte er sein Vermögen ohne besondere Rücksicht auf Freunde seiner Mutter und wurde nicht nervös, als das Handelshaus A. L. Muhl & Co. vorgab, zahlungsunfähig zu sein, weil es den eigenen Gewinn zu erhöhen versuchte: Die Gläubiger sollten auf 70% ihrer Vermögen verzichten, um überhaupt noch etwas von ihrem Geld zu sehen. Nur, falls alle Gläubiger den Schuldenschnitt akzeptierten, sollte das Handelshaus gerettet sein, und jedem seine 30%. So redeten auch Mutter und Schwester, welche auch Gläubiger waren, auf Schopenhauer ein, damit jeder wenigstens seine 30% erhalten würde, doch blieb er stur und ist unter allen Gläubiger der Einzige gewesen, der sein Geld vollständig erhielt. Er wusste das Recht auf seiner Seite, schätzte die Finanzlage des Handelshauses selbst ein und hatte Muhl angekündigt: „Das heißt: zahlen Sie nicht gutwillig, so wird der Wechsel eingeklagt. Sie sehn, daß man wohl ein Philosoph seyn kann, ohne deshalb ein Narr zu seyn“[46]

Am Ende seines Lebens war sein Vermögen deutlich vermehrt, obwohl auch er Rückschläge zu verkraften hatte, und die Unsicherheiten bei Investitionsfragen erfahren musste. Dieses ökonomische Kapital hatte er jedoch praktisch kaum zur Erlangung institutionellem Wissenschaftskapital genutzt oder nutzen können: Er konnte sein Hauptwerk ohne finanzielle Sorgen im Alter von 30 Jahren verfassen und danach auf Reisen gehen. Er war nicht dazu gezwungen, zu lehren, um Geld zu verdienen, wie es bei Hegel der Fall war, und vielleicht ist dies auch ein Grund dafür, dass er nicht sonderlich um Studenten bemüht war.[47] In jedem Fall konnte Schopenhauer jedoch mithilfe des ökonomischen Kapitals die Grundlage für eine mögliche (posthume) streng wissenschaftliche Autorität legen.

Kulturelles Kapital

In Schopenhauers Kindheit war alles darauf ausgelegt, das Handelshaus seines Vaters zu übernehmen: Er ging, weit entfernt von seiner Familie, in Frankreich in die Schule, lernte früh Englisch und erwarb eine gute Bildung. Dazu durfte Schopenhauer an einer Europa-Reise teilnehmen, durch welche er Kultur, Sprachen und Sitten anderer Länder aufnahm. Arthur Schopenhauer wurde, nach eigener Aussage, damit im Englischen so gut wie ein Engländer selbst, sodass er auch die Übersetzung Kants ins Englische anvisierte.[48]

Als 1806 durch den Krieg die französische Armee mit all ihren Verwundeten in Weimar war, konnte Johanna Schopenhauer ihre Kenntnisse von französischer Sprache und Kultur nutzen. Dadurch wurde sie, auch für Goethe, beispielhaft und erhöhte ihr Ansehen bzw. symbolisches und soziales Kapital außerordentlich.[49] Von Arthur Schopenhauer jedoch ist nichts dergleichen bekannt. Sein kulturelles Kapital verwandelte er kaum in andere Kapitalsorten, obwohl er Englisch, Italienisch, Französisch, Latein und Altgriechisch beherrschte und viele Kulturen kannte.

Schopenhauers Habitus

Goethe fand Schopenhauer zwar geistreich, allerdings pessimistisch und eigensinnig.[50] Auch seine Mutter hatte Probleme mit Schopenhauer: Sie hatte ihren Sohn geliebt und wünschte ihrem Sohn alles Glück der Welt, wollte jedoch nicht unbedingt Zeuge davon sein, da die Nähe ihres Sohnes für sie schwer zu ertragen war[51] und zu schlechten Nächten und üblen Träumen führten.[52] Die immerzu finsteren Gesichter, der Missmut und die Klagen über Unvermeidliches des stets als Pessimisten bezeichneten Philosophen waren ihr ebenso schwer erträglich[53] wie seine Kommentare zur Geistlosigkeit anderer Menschen.[54]

Wie Schopenhauers Mutter schrieb, war an ihm weniger Störendes in seinem Inneren, als vielmehr in seinem „äußeren Wesen“, in seinen Urteilen, Ansichten, und Gewohnheiten, also an seinen Denk- und Verhaltensweisen.[55]

Dieser Habitus, womöglich auch der kalten Erziehung wie auch anderen Kindheitserlebnissen[56] geschuldet, macht das menschliche Miteinander schwierig und somit auch das Bilden und Nutzen von sozialem Kapital.

Dass sein Name dennoch bekannt wurde (und nicht nur durch die damalige Bekanntheit seiner Mutter), darf auch seinem Rollenverständnis zugeschrieben werden. Ganz gleich wie wenig er den größten Teil seines Lebens be- oder geachtet wurde, er glaubte an seine Bedeutung für die Menschheit (-sgeschichte), wie u.a. das im Nachfolgenden noch aufgeführte Gedicht aus dem Jahre 1818 andeutet.

Schopenhauer als Privatdozent

1818, nach der Vollendung seines Hauptwerkes, war sich Schopenhauer schon sicher, dass die Blütezeit eines jeden Denkers bis 30/35 zu Ende geht. Etwas Größeres als sein Hauptwerk erwartete er von sich nicht mehr. Sein Werk war (im Großen und Ganzen) getan.[57]

Und schon 1814 war ihm klar, dass sein Leben folgende Gliederung haben sollte: Studium, Hauptwerk verfassen, Reisen durch alle schönen Länder Europas und darauf, am Ende aller seiner Lehrjahre sollte seine akademische Laufbahn beginnen, denn die Zeit des Lehrens sollte kommen.[58]

Er wollte also lehren, und nicht bloß aus der Erfahrung der Unsicherheiten in Vermögensfragen einen akademischen Brotberuf haben.[59] Schopenhauer hatte allerdings nicht solche Vorlesungen angeboten, die unter Studenten gefragt waren, sondern sein gesamtes, allumfassendes und allerklärendes System vorgetragen.[60] Dazu hatte Schopenhauer seine Vorlesungen auf eigenen Wunsch genau in der Zeit gehalten, in der die Autorität seiner Zeit gehalten hatte.[61]

Subversive Strategien können nach Bourdieu erfolgreich sein, sind aber riskant. Nicht nur inhaltlich setzte Schopenhauer gegen die soziale Autorität, sondern auch an einer nicht-inhaltlichen Front. Sicherlich konnte er damit diejenigen Studenten, die von Hegel angezogen wurden, aus seiner Hörerschaft ausschließen, allerdings war er zu unbekannt, um eine ernste Alternative auch für Studenten zu sein, die nicht völlig von Hegels Denken überzeugt waren.

Schopenhauers Erklärung für das Ausbleiben seines Erfolgs

Gutes braucht Zeit

Arthur Schopenhauer war von sich und seinem Schaffen absolut überzeugt. In einem Gedicht, welches posthum in einer zweiten Auflage seiner Parerga aufgenommen wurde, und in den Ausgaben letzter Hand fehlt, lässt er erkennen, wie er sein Werk einordnet:

„1819. Unverschämte Verse, (gedichtet auf der Reise von Neapel nach Rom im April 1819. Mein Hauptwerk war im November 1818 erschienen.)
Aus langgehegten, tiefgefühlten Schmerzen
Wand sich’s empor aus meinem innern Herzen.
Es festzuhalten hab’ ich lang’ gerungen:
Doch weiß ich, daß zuletzt es mir gelungen.
Mögt euch drum immer wie ihr wollt gebärden:
Des Werkes Leben könnt ihr nicht gefährden.
Aufhalten könnt ihr’s, nimmermehr vernichten:
Ein Denkmal wird die Nachwelt mir errichten.“[62]

Zudem äußerte sich Schopenhauer über den Ruhm (nach Bourdieu symbolisches Kapital), also der äußerlichen Anerkennung durch außerordentliche Taten oder Werke (PI, 388), stets ernüchternd: Ein Werk ist unsterblich und sein Ruhm tritt umso später ein, je größer es ist (PI, 389). Je fremder es seinem Zeitalter ist, je mehr es für eine spätere Zeit geschrieben ist, desto weniger wird es vom gegenwärtigem Publikum angenommen – so erging es den größten Leistungen des menschlichen Geistes (PI, 390). Dabei ist es nicht von Belang, wie das gegenwärtige Publikum, ob allgemeines Volk oder Gelehrte, das Werk aufnehmen: „Nicht den Zeitgenossen, nicht den Landesgenossen, – der Menschheit übergebe ich mein nunmehr vollendetes Werk […]“ (WI, 14).

Mit Bourdieu kann man Schopenhauer wenigstens insofern zustimmen, als dass institutionelle Autoritäten ihre fachliche Rechtfertigung oftmals überdauern, und dadurch streng wissenschaftliche Erfolge nicht in dem Augenblick zu Geltung gelangen, in dem sie produziert werden.

Kleines Publikum

Ein weiteres Argument in seinen Werken, mit dem Schopenhauer die lange Vernachlässigung seiner Werke erklären konnte, waren die Nationalsprachen Europas. In der Zeit Galileos, Kants, Kepplers und Descartes begann der Bedeutungsrückgang des Lateinischen. Immer mehr fand Wissenschaft in den einzelnen Nationalsprachen statt. In §255 der Parerga und Paralipomena (PII, 431ff.) widmete sich Schopenhauer dieses Problems: Das Publikum wurde kleiner, es gab kein allgemeines europäisches Gelehrtenpublikum. Dadurch fanden lt. Schopenhauer viele Autoren keinerlei Gerechtigkeit und daher gab es auch erst die Notwendigkeit, dass jemand Kant zu übersetzen hatte (s.o.). Explizit macht er diesen Umstand, dieses „wahre Unglück“, dafür verantwortlich, dass Kant „im Sumpfe deutscher Urtheilskraft stecken geblieben“ (PII, 432) war, Hegel Erfolg hatte und Schopenhauer selbst unbeachtet geblieben ist.

Mit Bourdieu darf man zustimmen, dass zumindest auf dem wissenschaftlichen Feld der nationale Ruhm nur für diejenigen Aussagekraft hat, die sich nicht auf internationalen Ruhm berufen können, welcher jedoch der wahre Ruhm ist. Vermutlich müsste man an dieser Stelle – trotz guter Gründe zur Zustimmung – erwähnen, dass Bourdieu im Ausland schneller Erfolg hatte als im Inland und auch nach seinen Ausführungen jeder auf dem Feld die Argumente stark redet, welche die eigene Feldposition verbessern.

Hegels Erfolg

Dass Hegel Schopenhauer Steine in den Weg legen wollte, oder es sogar getan hatte, ist nicht belegt (nicht einmal, dass Hegel Schopenhauers Werke kannte), obwohl es bekannte Schilderungen dieser „Gegnerschaft“ gibt und auch in Hegel-Biografien Schopenhauer als Gegenspieler Hegels präsentiert wird.[63]

Im Artikel „Hegel und Schopenhauer. Ihre Nachfolge – Ihre Gegenwart“ von Hübscher wird aus der Berliner Probevorlesung, die Schopenhauer am 23. März 1820 halten musste, um die Lehrbefugnis zu erhalten, eine für die Nachwelt hoch bedeutsame Situation konstruiert, in der Hegel in Schopenhauer einen „jugendlichen Gegner wittert“, den er zu Fall bringen will, aber am (medizinischen) Fachwissen Schopenhauers scheitert, der dann als Sieger aus dieser ersten Machtprobe hervorgeht.[64] Die Bedeutung dieser Vorlesung ist allerdings geringer und ihr Verlauf vermutlich anders als geschildert: Das Sitzungsprotokoll zur Probevorlesung bestätigt eine solche Auseinandersetzung nicht, lediglich eine Überlieferung einer mündlichen Aussage Schopenhauers deutet auf einen möglichen Konflikt hin.[65] Dagegen schrieb Schopenhauer vor der Probevorlesung, dass „Herr Professor Hegel [] die Güte [hatte], [ihm] mit der größten Bereitwilligkeit seine Genehmigung [für sein Thema für die] Vorlesung zu ertheilen.“[66] Dies war natürlich an eine institutionelle Autorität geschrieben, an den Dekan der philosophischen Fakultät, allerdings hatte sich Schopenhauer auch öffentlich, beispielsweise in seinen Werken, erst sehr spät, erstmals 1836, gegen Hegel geäußert[67], welcher im Übrigen auch keinerlei Bedenken gegen Schopenhauers Habilitation hatte.[68] Hegel kann kaum als verantwortlich für Schopenhauers Misserfolg bezeichnet werden.[69]

Der Ärger über Hegel, welcher in seinen Werken durch Beleidigungen Hegels als „plumper Scharlatan“ (D, 10), als Verfasser von Unsinn (N, 195), als „plumper[r], geistlose[r] Scharlatan Hegel“ (E, 504), der „Windbeutelei“ betreibt (WI, 18) und ein „widerliche[r], geistlose[r] Scharlatan und beispiellose[r] Unsinnschmierer“ ist (WII, 83), muss vielmehr auf seine Anhänger bezogen werden[70], denen er auch durch seine Vorlesungszeit aus dem Weg gehen wollte.[71] Der Name Hegel stand zum einen für die Universitätsphilosophie, die ihn ignorierte[72], und zum anderen für seine Anhänger wie auch die „besoldete[n] Professoren der Hegelei“ (E, 338) und seine Verachtung für das Leben von der Philosophie anstelle des Lebens für die Philosophie, wie es früher Sophisten und zu seiner Zeit Universitätsprofessoren wären (WII, 188). Auch musste er auf Neuauflagen warten, während der „Hegelsche Unsinn“ schnell vergriffen war[73]; diese Auflagen schienen Brockhaus ein zu großes finanzielles Risiko zu sein.[74]

Fazit

Glanz im Stillen wurde ihm prophezeit und er hat es ertragen und lange ertragen müssen. Mit Bourdieu ist erklärlich, woran es lag, bzw. wie Schopenhauer hätte vorgehen müssen, um mehr oder früher Erfolg zu haben.

Es ist deutlich geworden, dass Schopenhauer viel ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital besaß, als er eine akademische Laufbahn anvisierte. Er hatte von vielem deutlich mehr als sein vermeintlich großer Konkurrent Hegel: Den Kontakt zu Goethe, dessen Nutzen schwerlich zu überschätzen ist, hatte Schopenhauers Mutter schon geknüpft, als Schopenhauer noch nicht ans Lehren dachte. Dazu hatte er ein immenses ökonomisches Kapital und wurde mithilfe dessen gut ausgebildet. Allerdings ist ebenso deutlich geworden, dass Schopenhauer insbesondere die Nutzung des sozialen Kapitals schwergefallen sein muss. Sein Habitus scheint ihm im Weg gestanden zu haben. Entgegenhalten muss man widerum, dass gerade der Nichterfolg und seine Aussagen über die Universitätsphilosophie und den Ruhm mit dem Leben für die Philosophie harmonieren und ihm eine große Authentizität verleihen – für die das ökonomische Kapital zwingend notwendig gewesen ist. Diese verhalf ihm nach der gescheiterten Revolution von 1848 und der Veröffentlichung der Parerga und Paralipomena zu den frühen Bewunderern Leo Trotzki, Philipp Batz bzw. Mainländer, Julius Bahnsen und Friedrich Nietzsche, von denen allerdings nur letzterer mit größerer Wirkung Gedanken Schopenhauers reproduziert hatte, aber Kerngedanken von ihm teilweise radikal umgekehrt hatte (aus dem Pessimismus wurde amor fati). Abgesehen von Max Horkheimer und Sigmund Freud gab es kaum Einflüsse Schopenhauers auf das Denken des 20. Jahrhunderts.[75]

Schwierig dürfte bei der Herangehensweise der vorliegenden Arbeit sein, dass Bourdieus Begrifflichkeiten nicht präzise und in seiner Arbeit nicht beständig waren, auch ist die zu sehr an Bourdieus eigenem Werdegang angelehnte und angepasste Theorie wegen vermeintlicher Widersprüche zwischen Determinismus und bewusstem Handeln entgegen familiärer Dispositionen negativ bewertbar. Zum einen sind die Begriffe dennoch hinreichend klar und nützlich und zum anderen ist Schopenhauers Herkunft deutlich näher an dem von ihm angestrebten Feld als dies bei Bourdieu der Fall war.

Der Reiz in der Betrachtung der Karriere Hegels zur Darstellung der Philosophie am Anfang des 19. Jahrhunderts lag zum einen natürlich in der – hier fachlich nicht bedeutenden – Überhöhung seiner Gegnerschaft zu Schopenhauer, zum anderen allerdings darin begründet, dass die vorliegende Hausarbeit für Bourdieus zwei Strategien für Neulinge auf dem wissenschaftlichen Feld jeweils einen Protagonisten aufzeigen kann. Im Rahmen einer größeren Arbeit wäre die Untersuchung mehrerer Wege in die Philosophie um 1800-1830 zu zeigen, wie auch eine umfängliche Untersuchung Schopenhauers Kontakte und weiterer Ressourcen, um auch dem möglichen Einwand zu begegnen, die vorliegende Arbeit beinhalte nur wohlfeile Beispiele.

  • [1] Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 28. April 1807, In: Carl Gebhardt, Der Briefwechsel Arthur Schopenhauers. Erster Band (Arthur Schopenhauers Sämtliche Werke, herausgegeben von Paul Deussen, Band 14), München 1929, 132.
  • [2] Vgl. Rüdiger Safranski, Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie, Frankfurt 2016, 512/548.
  • [3] Lucia Franz, Über Schopenhauers häusliches Leben, in: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft, Band 1914, 85.
  • [4] Vgl. Rüdiger Safranski, a.a.O., 413.
  • [5] Vgl. Boike Rehbein/Gernot Saalmann, Feld, in: Gerhard Fröhlich/Boike Rehbein (Hrsg.), Bourdieu Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, Stuttgart 2009, 101.
  • [6] Vgl. N. Gregory Mankiw, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart 2004, S. 430.
  • [7] Vgl. Boike Rehbein/Gernot Saalmann, Kapital, in: Gerhard Fröhlich/Boike Rehbein (Hrsg.), Bourdieu Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, Stuttgart 2009, 135.
  • [8] Vgl. Boike Rehbein/Gernot Saalmann, Habitus, a.a.O., 111f.
  • [9] Vgl. Horst Althaus, Hegel und Die heroischen Jahre der Philosophie. Eine Biographie. München 1992, 171.
  • [10] Ebd., 177.
  • [11] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 28. April 1807, a.a.O., 132 f.
  • [12] Vgl. Werner Fuchs-Heinritz/Alexandra König, Pierre Bourdieu. Eine Einführung, München 2011, 102 f.
  • [13] Vgl. Manfred Russo, Autonomie, in: Gerhard Fröhlich/Boike Rehbein (Hrsg.), Bourdieu Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, Stuttgart 2009, 65.
  • [14] Vgl. Gerhard Fröhlich, a.a.O., 329.
  • [15] Vgl. ebd.
  • [16] Vgl. Pierre Bourdieu, The Specificity of the Scientific Field and the Social Conditions of the Progress of Reason, in Mario Biagioli, The Science Studies Reader, London/New York 1999, 39.
  • [17] Vgl. Gerhard Fröhlich, a.a.O., 330.
  • [18] Vgl. ebd.
  • [19] Vgl. Horst Althaus, a.a.O., 134.
  • [20] Vgl. ebd., 139.
  • [21] Vgl. ebd., 145.
  • [22] Vgl. ebd., 146.
  • [23] Ebd., 148.
  • [24] Vgl. ebd., 173.
  • [25] Vgl. ebd., 171.
  • [26] Vgl. ebd. 328.
  • [27] Hans-Georg Gadamer, Philosophisches Lesebuch. Band 3, Frankfurt 2007, 69.
  • [28] Vgl. Osann an Arthur Schopenhauer am 8. März 1823, a.a.O., 357.
  • [29] Vgl. ebd., 356.
  • [30] Vgl. Horst Althaus, a.a.O., 329.
  • [31] Vgl. ebd., 330.
  • [32] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 19. Mai 1806, a.a.O., 25.
  • [33] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 24. Oktober 1806, a.a.O., 67.
  • [34] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer, a.a.O., 86.
  • [35] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 5. Januar 1807, a.a.O., 102.
  • [36] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer, a.a.O., 86.
  • [37] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 14. November 1806, a.a.O., 80.
  • [38] Vgl. Goethe an Arthur Schopenhauer am 8. Januar 1814, a.a.O., 160.
  • [39] Vgl. Arthur Schopenhauer an Goethe am 16. September 1815, a.a.O., 188.
  • [40] Vgl. Arthur Schopenhauer an Goethe am 11. November 1815, a.a.O., 197.
  • [41] Vgl. Arthur Schopenhauer an Goethe am 23. Januar 1816, a.a.O., 204.
  • [42] Vgl. Rüdiger Safranski, a.a.O., 374.
  • [43] Vgl. Arthur Schopenhauer an Goethe am 23. Juni 1818, a.a.O., 230.
  • [44] Vgl. Rüdiger Safranski, a.a.O., 374.
  • [45] Vgl. Manfred Wagner, „…daß man wohl ein Philosoph seyn kann, ohne deshalb ein Narr zu sein.“ Schopenhauer und das Geld, in: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft, Band 2008-89, S. 270.
  • [46] Arthur Schopenhauer an Muhl am 1. Mai 1821, a.a.O., 326.
  • [47] Vgl. Kuno Fischer, Schopenhauers Leben, Werke und Lehre (Geschichte der neueren Philosophie, Band 9), Heidelberg 1934, 60.
  • [48] Vgl. Arthur Schopenhauer an Haywood am 21. Dezember 1829, a.a.O., 411.
  • [49] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 18./19. Oktober 1806, a.a.O., 41.
  • [50] Vgl. Kuno Fischer, a.a.O., 32.
  • [51] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 13. Dezember 1807, a.a.O., 144.
  • [52] Vgl. ebd., 145.
  • [53] Vgl. ebd., 144.
  • [54] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer 1814, a.a.O., 168.
  • [55] Vgl. Johanna Schopenhauer an Arthur Schopenhauer am 13. Dezember 1807, a.a.O., 144.
  • [56] Vgl. Rüdiger Safranski, a.a.O., 81.
  • [57] Vgl. Arthur Schopenhauer an Goethe am 23. Juni 1818, a.a.O., 230.
  • [58] Vgl. Arthur Schopenhauer an Böttiger am 24. April 1814, a.a.O., 163.
  • [59] Vgl. Rüdiger Safranski, a.a.O., 372.
  • [60] Vgl. Kuno Fischer, a.a.O., 60.
  • [61] Vgl. Arthur Schopenhauer an Boeckh am 31. Dezember 1819, a.a.O., 295.
  • [62] Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II. Kleine Philosophische Schriften. Zweite und beträchtlich vermehrte Auflage, aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verfassers herausgegeben von Julius Frauenstädt. Hahn, Berlin 1862, 693.
  • [63] Vgl. Horst Althaus, a.a.O., 12.
  • [64] Vgl. Arthur Hübscher, Hegel und Schopenhauer. Ihre Nachfolge – Ihre Gegenwart, in: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft, Band 1945-48, 23.
  • [65] Vgl. Matthias Koßler, Substanzielles Wissen und subjektives Handeln. Dargestellt in einem Vergleich von Hegel und Schopenhauer, Frankfurt 1990, 245.
  • [66] Vgl. Arthur Schopenhauer an Boeckh am 18. März 1820, a.a.O., 313.
  • [67] Vgl. Alfred Schmitt, Idee und Weltwille. Schopenhauer als Kritiker Hegels, München 1988, 15.
  • [68] Vgl. ebd., 13
  • [69] Vgl. Matthias Koßler, a.a.O., 16; und Alfred Schmitt, a.a.O., 15.
  • [70] Vgl. Matthias Koßler, a.a.O., 16.
  • [71] Vgl. Arthur Schopenhauer an Boeckh am 31. Dezember 1819, a.a.O., 295.
  • [72] Vgl. Alfred Schmitt, a.a.O., 16.
  • [73] Vgl. Arthur Schopenhauer an Brockhaus am 17. Mai 1843, a.a.O., 537.
  • [74] Vgl. Brockhaus an Arthur Schopenhauer am 13. Mai 1843, a.a.O., 536.
  • [75] Vgl. Wolfgang Korfmacher, Schopenhauer zur Einführung, Hamburg 1994, 172.
Artikelbild:Von Wilhelm Busch - http://www.ub.uni-frankfurt.de/archive/images/busch.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=394007
Schopenhauer zitiert nach: Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden. Nach den Ausgaben letzter Hand herausgegeben von Ludger Lütkehaus. Frankfurt 2006.

Kommentieren