Eine der größten Fragen der Philosophie ist die Frage nach dem moralisch guten Leben. Wie lebt man moralisch richtig? Was muss man beachten?

Zunächst es ist viel wichtiger, einmal zu betrachten, worauf man seine Ethik stützt:

Deontologie

Dem Einzelnen bieten sich zwei Optionen an. Eine davon ist das Befolgen von Regeln. Das nennt man Pflichtethik oder Deontologie. Wenn man handelt, muss man sich an die Regeln halten. Was dabei herauskommt (Option 2), spielt keine Rolle.

Die Frage, die sich dann automatisch stellt, ist: Welche Regeln? Es gibt schließlich viele Regelwerke, die das Verhalten von Menschen regulieren wollen. Manche sind staatlicher Natur, andere religiöser und wiederum andere sind Produkte des Fantasy-Genres, der Satire oder obskurer Weltanschauungen der Gegenwart oder Vergangenheit. Ob man nun dem englischen Rechtssystem des 18. Jahrhundert folgt, dem heutigen Rechtssystem Schwedens, der Bibel oder anderen heiligen Schriften, macht einen kleinen Unterschied – was sich immer ändert ist der Nutznießer (abgesehen davon, dass es in der Regel Männer sind).

Falls man jedoch ein Regelwerk hat, dem man (aus Gewohnheit) folgt, so lassen sich ethisch relevante Entscheidungen sehr einfach treffen. Falls man ein paar Judentransporte ins nächstgelegene KZ organisieren will, ist man aus einer bestimmten Perspektive bloß ein langweiliger Büromensch, während man aus heutiger Sicht recht banal Böses verrichtet hat. Die Verantwortung gibt man damit jedenfalls ab.

Es kann auch vorkommen, dass man – wie noch immer in einigen Rechtssystemen – Verbrechen ohne Opfer ablehnen muss, einfach weil es die Regeln nicht zulassen.

Was würde Marquis de Sade, der Sadist der französischen Revolution, sagen? Er verbrachte mehr als die Hälfte seine Lebens hinter Gittern aufgrund seiner Sexualphantasien und pornografischen Schriften. An diesen störten sich Machthaber seiner Zeit, obwohl er kein Leid verursacht hat. Es gibt nunmal Sexualpraktiken, die den Regeln vieler Zivilisationen und Kulturen widersprechen, aber dennoch (einvernehmlich) praktiziert werden. Für einige Menschen gilt, was für den Sadisten höchstpersönlich galt: „Sex ohne Schmerz ist wie Essen ohne Geschmack.“ Bloßes Befolgen irgendwelcher Regeln kann hier zu schlechten Ergebnissen führen.

Schlecht könnte auch Kants Kategorischer Imperativ gesehen werden, der hier negative Ergebnisse bringt: Wenn ein Mörder meinen Nachbarn sucht, um ihn umzubringen, muss ich ihm seinen Ort mitteilen, um nicht zu lügen, da ich selbst – genau wie der Mörder – nicht belogen werden will und nicht wollen kann, dass ein allgemeines Gesetz das Lügen erlaubt. Nicht viel besser sehen die Verfechter der Deontologie mit dem deontologischen Paradoxon aus: Darf man einmal eine Regel brechen, wenn man damit viele weitere Regelbrüche verhindern würde?

Doch der große Vorteil an der Deontologie ist, dass man sich nicht einbilden braucht, man würde Entscheidungen treffen, weil man alle ihre Konsequenzen kennt – das tut man nämlich in der Regel nicht.

Fazit

Falls die Beispiele zu abschreckend für diese mögliche ethische Grundlage waren, so muss man hinzufügen, dass es nicht nur die eine Form der Deontologie gibt: Man kann ganz radikal, unabhängig davon, ob eine Handlung negative Konsequenzen hat, auf das Beachten einer Regel pochen. Das macht zum Beispiel die Kirche, wenn sie die Abtreibung oder das Töten ganz unabhängig von allen Begleitumständen oder Folgen verbietet. Es gibt aber auch Formen, bei denen etwas mehr auf die Konsequenzen geachtet wird und so auch eine intrinsisch schlechte Handlung durch positive Folgen moralisch gut ist. Allerdings muss eine Regel im Sinne des deontologischen Ansatzes vollständig bestimmt sein und muss dann klare Grenzen zwischen schwarz und weiß festlegen – ohne Grauzone. Das lässt wenig Spielraum, wo es sinnvoll wäre, und raubt Verantwortungsbewusstsein, wo es nötig wäre.

Man befindet sich mit der Deontologie in der Gesellschaft von Kant, Hegel und Rawls, doch kann man in Regeln alleine nicht die Lösung aller ethischen Probleme sehen.

3 Comments

  1. HomoSapiens Author

    Zudem müssen Regeln meist interpretiert werden, da sie selten klar und vollständig sind.
    Dafür gibt es allerdings immer Menschen, die sich berufen fühlen: Richter, Anwälte, Priester, Päpste, Imame, …

  2. Wie unvollständig und unzulänglich das menschliche Denken ist, das zeigt die einfache Tatsache, daß die programmatisch zwanghaft ablaufende Antriebsdynamik bei allen Lebewesen von den Philosophen nicht längst ethisch und moralisch hinreichend reflektiert wird.

    Philosophie ohne Psychologie ist ebenso mißbrauchbar, wie das die antriebsdynamisch geprägte Menschheitsgeschichte erklärt u. beweist. Das globale Primat der Philosophie und mithin der philosophischen Ethik ist ohne Alternative, wenn die Menschheit eine gedeihlichere Zukunft gestalten will. Wir brauchen deshalb einen entsprechenden globalethisch demokratisch geführten Permanentdiskurs und Werte-Konsens der Menschenrechte mit klaren Menschenpflichten.

    • HomoSapiens Author

      Sehe ich auch so, doch wie lässt sich „globalethisch demokratisch geführten Permanentdiskurs und Werte-Konsens der Menschenrechte mit klaren Menschenpflichten“ politisch vorstellen?
      Folgt etwas Normatives für die Politik aus diesen Vorstellung?
      Das ist dann leider die Frage…

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