Von Psychologen kennt man das Gefühl, dass sie vielleicht irgendetwas über einen bemerken oder wissen, was man selbst nicht weiß. Doch auch Wahrsager oder andere rafinierte Trickser auf einem Jahrmarkt oder im Zirkus können einem Menschen dieses Gefühl vermitteln. Sie scheinen Details der eigenen Persönlichkeit, wesentliche Charakterzüge und innere Gedankengänge zu kennen. Doch woher wissen diese Menschen so viel über ihr Gegenüber – wissen sie überhaupt etwas?!

Wahrsager und Mentalisten sind Menschen, die viel zu wissen scheinen. Sie können – wenn sie gut sind – stundenlang über einen Menschen reden, den sie erst vor Sekunden kennengelernt haben. Dabei verwenden sie verschiedene Techniken. Zu einer davon gehört das Nutzen von speziellen Sätzen:

Es sind Sätze, denen fast jeder Mensch sofort zustimmen würde. Es sind beispielsweise Sätze, die unauffällig widersprüchlich sind und bei denen auf jeden Fall eine richtige Aussage steckt. Das wäre etwas wie „Sie sind meist fröhlich und heiter, aber Sie können auch sehr verärgert sein“ oder „Sie sind vorsichtig, aber hin und wieder machen Sie Fehler“. Dazu gibt es Bedürfnisse, die allen Menschen gemein sind, wie Bedürfnisse nach Wärme, Sicherheit und Nähe zu manchen Mitmenschen. Aussagen darüber kann man fast nicht widersprechen. Ähnlich erfolgreich sind auch Aussagen, die recht unklar formuliert sind, mit Relativierungen gespickt: „Sie neigen zu…“, „meist sind Sie“, „eher“. (mehr zu diesen Sätzen hier: wikipedia/barnum-effekt)

Solche Sätze werden beim Hören gerne auf Aktuelles bezogen. Wenn der Mentalist einen sehr allgemeinen Satz über berufliche Stärken oder Schwächen ausspricht, hat sein Gegenüber in der Regel mindestens ein aktuelles Ereignis im Kopf, auf das das Gesagte zutrifft. Insbesondere, wenn man mit der Erwartung kommt, etwas Wahres zu hören, fällt es leicht, Allgemeines auf sich selbst zu beziehen und immer zuzustimmen. Doch auch etwas kritischeren Menschen kann es schwer fallen, herauszufinden, woher das Gefühl kommt, der Mentalist oder der Wahrsager würde etwas mehr wissen, als es ein naturalistisches Weltbild hergibt. Sein Trick ist tatsächlich der, nichts Spezielles zu sagen bevor er sich nicht etwas Bestätigung vom Laien geholt hat. Langsam wagt er sich vor und kann konkreter werden. Wichtig ist für ihn auch, dass er sich nicht von Fehlern beirren lässt, er macht einfach weiter mit einem „ok, die Karten geben beides her, …“ oder „schade, Ihr Ihnen bestimmter Pfad wäre allerdings dieser gewesen“. Diese Menschen müssen nichts Persönliches wissen, bloß ihre Methodik muss eingeübt sein – was auch schon eine Jahrmarktsattraktion ist.

Doch es gibt auch Menschen, die tatsächlich viel Erfahrung im Umgang mit Menschen haben, und die entsprechend schnell hinter eine Fassade eines Menschen blicken können. Auch Kartenleger, Handleser und ähnliche Gestalten der spirituellen Welt haben viel Kontakt mit Menschen. Täglich sitzen ihnen in einem dunklen Zelt oder einem finsteren Raum mit Glaskugel Menschen gegenüber, die mit Sorgen oder Hoffnungen wertvolles Wissen ergattern wollen. Sie interessieren sich für ihren künftigen beruflichen Werdegang, künftige Liebschaften oder träumen vom Lottogewinn. Dabei geben sie selbst mehr über sich preis als sich je ein Künstler ausdenken könnte. Mittels „Cold reading“, also u.a. dem Beobachten der Reaktion des Gesprächspartners auf allgemeine Floskeln oder Behauptungen, können Mentalisten oder Wahrsager dem Laien Informationen entlocken, die dem Unwissenden teuer verkauft werden.

Zu den Menschen mit besonderen Erfahrungswerten im Umgang mit (speziellen) Menschen gehören natürlich auch manche Psychologen, meist solche, die auch Therapieerfahrung haben. Sitzt ihnen der hundertste Depressive gegenüber, erkennen sie diesen vielleicht schon am Blick, an der Körperhaltung oder der Akzentuierung bzw. ihrer Stimme.

Solche Erfahrungen sind auch höchst sicherheitsrelevant: Flughäfen sind schon immer beliebte Terrorziele gewesen. So setzen Sicherheitskräfte an Flughäfen in Israel stark auf ihre Menschenkenntnis und führen mit Verdächtigen längere Gespräche, um sie in Widersprüche zu verwickeln und die wahre Intention herauszufinden. Dafür erlaubt man sich, auf die Technik der Nacktscanner zu verzichten. Technik kommt hingegen zum Einsatz, wenn man unbewusste Körperreaktion provozieren will und dabei prüft, welchem Passagier Symbole von Terrorvereinigungen bekannt sind. Diese werden für Sekundenbruchteile irgendwo im Flughafengebäude eingeblendet – kurz genug, um bewusstes Wahrnehmen zu verhindern, aber lange genug, um eine Reaktion des Körpers, wie etwa ein Zucken, zu provozieren.

Artikelbild:

  • Wahrsagerin: https://pixabay.com/de/fantasie-frau-gesicht-m%C3%A4dchen-519274/, C0
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